Blog Adventskalender 2016 – 18. Söckchen: Eine wahre Geschichte über Hilfsbereitschaft

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Rückblickend wird das Jahr 2016 wahrscheinlich nicht als besonders positiv in die Geschichte eingehen. Man kann sich derzeit unterhalten mit wem man will, so richtig zufrieden blickt niemand auf das bald abgelaufene Jahr zurück. Viel Krieg, viel Gewalt, Konfliktherde an allen Ecken und Enden, viele Tote, instabile politische Lage, ungewisse Zukunft in Europa und der Welt, wachsende Unzufriedenheit quer durch die Bevölkerungsschichten… man könnte die Liste noch weit fortführen – und da habe ich persönliche Rückschläge noch gar nicht mitgezählt.

Aber warum erzähle ich euch das alles? Weil ich euch zeigen will, dass das Jahr 2016 auch seine guten, seine schönen Seiten hatte. Dass nicht alles schlecht und böse ist. Sondern dass es noch Hoffnung gibt – und was gäbe es besseres in der Vorweihnachtszeit, als eine Geschichte, die Hoffnung gibt, noch dazu, da es eine wahre Geschichte ist…

Es ist bereits ein paar Wochen her, irgendwann Mitte bis Ende September, da war ich mit meinem smart unterwegs, der merkwürdige Geräusche machte, die ich nicht so recht lokalisieren konnte. Ichwar auf einer Straße unterwegs, auf der es links nur die Gegenfahrbahn und rechts nur eine Leitplanke mit Grünstreifen gab. Da die Geräusche immer extremer wurden, beschloss ich, bei der nächsten Ampel rechts abzubiegen, um rechts ran zu fahren.

Gesagt, getan. Es kam die nächste Ampel, sie stand auf rot. Als sie auf grün umschlug, bog ich rechts ab, als es plötzlich einen lauten Knall gab. Die folgende Szene spielte sich ein wenig wie in Zeitlupe ab. Ich wusste nicht so recht, wie mir geschah, aber das Auto bewegte sich mitten in der Kurve nicht mehr. Ich sah nach oben zu meinem Panorama-Dach und konnte sehen, wie da ein komplettes Rad über meinen smart flog. Es drehte sich in der Luft wie verrückt, aber ich konnte plötzlich erkennen, dass es meine smart-Felgen hatte. Das Rad flog in hohem Bogen auf den Gehweg und von dort in das dahinterliegende Gebüsch.

Im Gegenverkehr hatte ein Wagen gehalten. Am Steuer ein Mann, neben ihm -vermute ich- seine Frau. Der Mann schaut mich völlig perplex an und dreht sein Fenster runter. Auch ich fahre mein Fenster herunter und schaue aus meinem Auto. Ich erkenne, dass mir hinten links das Rad „weggeflogen“ ist. Es war mein Rad, dass da im Gebüsch lag. Der Mann schaut mich an, schaut an die Stelle, wo gerade eben noch das Rad hing, zeigt dorthin und meint zu mir „Ihnen fehlt ein Reifen“. Ich habe den Moment noch nicht verarbeitet, nicke nur und sage „Ja“. Der Mann fährt los.

Ich stelle das Warnblinklicht an und steige aus, um mir den Schaden näher anzusehen. Durch den Verlust des Reifens hatte die Karosserie hinten links Bodenkontakt. Der Kotflügel ist zum Teil weggerissen, die Stoßstange hängt mehr schlecht als recht. Und da, wo normalerweise der Reifen hängt, ist nur ein großes Loch. Ich überlege, wie ich den Wagen jetzt da wegbekomme. Zum Glück gibt es nicht viele Menschen, die auf diese Straße einbiegen wollen. Es ist eher Industriegebiet. Der Wagen lässt sich so, wie er da „hängt“ keinen Zentimeter bewegen.

Plötzlich steht der Mann aus dem Auto im Gegenverkehr wieder neben mir. Er hat ein Stück weiter weg gehalten und ist dann zurückgekommen. Er hat den gleichen Gedanken wie ich. „Wir müssen den Wagen erst mal aus dem Weg bekommen“, sagt er. Er sagt, er kennt da eventuell jemanden und telefoniert kurz. Aber er erreicht niemanden mehr. Ich denke gerade darüber nach, den ADAC zu rufen, da kommen aus einer Firma, die dort an der Ecke steht, ein paar Männer herbei.

Sie fragen, was passiert sei und schauen sich das Auto an. Die Sache ist schnell klar. Die Schrauben haben sich gelöst, dann ist in der Kurve das Rad abgefallen und durch den Drall ins Gebüsch geschleudert worden. Wie es sein kann, dass sich plötzlich alle drei Schrauben (der smart hat pro Rad nur drei Schrauben) lösen, kann zu dem Zeitpunkt natürlich niemand sagen. Einer der Männer sagt, dass die letzte Schraube sich ja erst kürzlich gelöst haben könne. Er geht noch mal die Ecke herum und schaut sich die Straße an. Er sagt, da hinten in der Ferne könne er etwas blinken sehen, das könne die Schraube sein. Kein anderer sieht da etwas.

Wir gehen zurück zum Fahrzeug. Einer der Männer hat begonnen, die Kurve mit Pylonen abzusperren, damit niemand versehentlich ins Auto hineinfährt. Ein anderer hat aus der Firma einen Hubwagen geholt, ein dritter ein paar Stücke Holz. Wir heben den smart mit dem Hubwagen seitlich an, bocken ihn auf das Holz auf. Dann setzen wir den Hubwagen hinter dem smart an, fahren darunter und hebeln ihn hoch. Jetzt können wir ihn vorsichtig an die Seite „fahren“, so dass er nicht mehr den Verkehr behindert.

Zwischenzeitlich hatte ich den Reifen aus dem Gebüsch geholt. Er hat keinen Schaden genommen. Und da steht plötzlich auch der Typ mit den Adleraugen wieder bei uns und grinst stolz. In der Hand hält er die letzte Schraube, die sich gelöst hatte. Er hat sie tatsächlich gesehen und geholt.

Wir lösen an den Vorderreifen jeweils eine Schraube und befestigen das verlorene Rad mit der gefundenen Schraube sowie den beiden vorne gelösten Schrauben. Natürlich keine Dauer-Lösung, aber es hält genug, damit ich am nächsten Tag damit ganz vorsichtig zur Werkstatt fahren kann.

Darum soll es an dieser Stelle aber gar nicht gehen. Erst später wird mir bewusst, dass ich auf so wahnsinnig vielen Ebenen Glück gehabt habe. Das Rad hat sich gelöst, als ich gerade von der Ampel angefahren war, also kaum Geschwindigkeit hatte. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre mir das zum Beispiel mitten auf der Autobahn passiert. Leitplanken-Pingpong mit keinem allzu schönen Ende für mich (und ggf. andere) wäre wohl am wahrscheinlichsten gewesen. Auch hätte der Reifen mir aufs Dach knallen oder in den Gegenverkehr fliegen können, um dort Autos oder gar Menschen zu schädigen. Stattdessen flog er auf den Gehweg -wo sich niemand befand- und dann ins Gebüsch.

Es kam kein Mensch zu Schaden und auch fremdes Eigentum wurde nicht beschädigt. Der einzige Schaden entstand an meinem Auto (und somit indirekt an meinem Geldbeutel). Und womit ich noch viel Glück hatte -und was mich sehr beeindruckt hat- war die Hilfsbereitschaft, die mir da in dem Moment entgegengebracht wurde.

Ich will ganz ehrlich sein, als das Rad über das Auto flog, war ich erst mal ziemlich überfordert mit der Situation. Man ist auf so etwas einfach nicht vorbereitet und steht da plötzlich allein in der Kurve mit einem Auto, welches sich keinen Zentimeter mehr bewegt. Ohne die fremde Hilfe wäre ich erst mal ziemlich aufgeschmissen gewesen. Ich hätte die Stelle notdürftig sichern und ewig dann auf einen Abschlepper warten können. Stattdessen waren da die Leute, die mir ohne Zögern ihre Hilfe angeboten haben. Ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Die mir Mut zusprachen, sich den Wagen ansahen, einen Hubwagen besorgten, eine Schraube wiederfanden und holten, den Wagen wieder fahrtüchtig machten.

Diese spontane Hilfsbereitschaft hat mich echt überrascht und tief beeindruckt. Es ist eben doch nicht alles schlecht auf dieser Welt. Und die Menschen schauen nicht alle weg, wenn jemand Hilfe braucht. Klar, es gab zwischendurch auch den ein oder anderen Gaffer. Aber da waren mehrere Menschen, die in diesem Moment für mich da waren. Und dafür empfinde ich eine wirklich tiefe Dankbarkeit. Das hat meinen Blick auf die Welt schon ein Stück weit verändert.

Also, wenn ihr wieder mal nach dem Lesen oder Schauen der Nachrichten den Glauben an das Gute in der Menschheit verloren habt, dann vergesst nicht, dass es auch immer noch die andere Seite gibt – ich habe sie am eigenen Leib erlebt: Menschen, die plötzlich einfach da sind, die einem helfen, ohne dass man fragen muss. Die keine Gegenleistung dafür wollen. Weil sie wissen, dass sie ebenfalls froh darüber wären, wenn in solch einer Situation jemand für sie da wäre. Ja, es ist schon ein paar Wochen her, aber ich fand, diese Geschichte muss einfach erzählt werden. Und welcher Zeitpunkt wäre da für eine Geschichte über Hoffnung und Hilfsbereitschaft idealer, als die Vorweihnachtszeit?

Morgen geht es dann weiter mit dem 19. Söckchen, irgendwo im Internet. Wo genau? Hmmmm, vielleicht hier, dort, oder doch da? Hinter einem dieser Links auf jeden Fall, fest versprochen!


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