Hoffnung auf Hoffnung

Anzeige

trauerschleifeNach den Geschehnissen, die sich in dieser Woche in Frankreich ereignet haben, ist es natürlich schwer, an dem Thema vorbeizukommen. Wüsste man es nicht besser, würde man glauben, es mit der Handlung eines Films zu tun zu haben, wenn man hört, was dort geschehen ist.

Zwei maskierte Täter, die bewaffnet die Redaktion eines Satire-Magazins stürmen, dort zig Menschen töten, um sich dann eine wilde Verfolgungsjagd mit Spezialeinheiten durchs halbe Land zu liefern, sich in Gebäuden mit Geiseln zu verschanzen, während sich ein Komplize woanders ebenfalls Geiseln nimmt, um seine Freunde im Fall der Fälle freizupressen, was letztlich an beiden Orten in einem blutigen „Finale“ mündet, während eine mutmaßliche Komplizin außer Landes flüchtet.

Könnte ein Hollywood-Blockbuster sein, wenn es nicht traurige Realität direkt zu Beginn des Jahres geworden wäre. Aber darum soll es an dieser Stelle gar nicht gehen:

Auch nicht um meine Sorge, dass nun wieder all die „üblichen Verdächtigen“ aus ihren Löchern gekrochen kommen werden, die nur auf einen Vorfall wie diesen gewartet haben, um uns wieder sagen zu können, dass wir mehr Überwachung für mehr Sicherheit brauchen, und dass das alles nicht passiert wäre, wenn es beispielsweise eine Vorratsdatenspeicherung gäbe. Mal ehrlich, die mag ja im Nachhinein bei so mancher Aufklärung helfen, aber zum einen ist es dann meist schon zu spät, und zum anderen ist mir schleiferhaft, woher diese Leute immer die Gewissheit nehmen, dass solche Überwachungsmaßnahmen Taten von einzelnen, die das „am Stammtisch“ unter sich mündlich abgesprochen haben, sicher und zuverlässig verhindern wollen?

Zudem stellt sich dann doch die Frage, ob es das alles denn auch wirklich wert wäre? Ich persönlich möchte nicht in einem totalitären Überwachungsstaat leben, wo an jeder öffentlichen Ecke Überwachungskameras angebracht sind, wo vielleicht sogar an jeder Ecke bewaffnetes Sicherheitspersonal steht, welches trügerische Sicherheit vermitteln soll. In einem Staat, in dem ich nicht mehr weiß, ob meine Unterhaltung noch privat ist, oder ob nicht schon längst jemand mithört oder mitliest und alles protokolliert, um es im Zweifel gegen mich verwenden zu können, weil ich mich ggf. unglücklich ausgedrückt habe oder mir Worte im Mund verdreht werden.

Ich sage das im vollen Bewusstsein, dass ich mit dieser Art, freiheitlich leben zu wollen, ggf. mich selbst und mir nahestehende Menschen in Gefahr bringen könnte – unbekannte Dritte natürlich auch. Vielleicht sähe ich das anders, wenn es wirklich mal jemanden aus meinem Freundes-, Familien- oder Bekanntenkreis erwischt. Als direkt Betroffener hat man ja eine andere Sichtweise, während ich hier aus der noch relativ sicheren Entfernung leicht reden kann. Aber was wäre das für ein Leben, wenn man zwar -in trügerischer Sicherheit- leben könnte, aber sich in seinen Handlungen stets beobachtet, überwacht, abhängig und unfrei vorkäme?

„Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“

(Benjamin Franklin)

Die zweite Sorge, die mich beschleicht ist, dass diese Ereignisse nun wieder genutzt werden, um das Feuer des Hasses zu schüren und alle Muslime in Europa über einen Kamm zu scheren, weil das ja „sowieso alles Islamisten“ sein müssen, die alle nur darauf warten, sich fröhlich in die Luft sprengen zu können. Niemand käme heute noch ernsthaft auf die Idee, dass jeder gläubige Katholik ein Fundamentalist wäre, der nach der Devise „Auge um Auge“ lebt, Jagd auf Schwule macht, beim Sex nicht verhütet und jeden Sonntag pünktlich auf der Bank in der Kirche sitzt.

Einfach, weil wir es besser wissen und genug Gegenbeispiele aus unserem täglichen Alltag kennen. Der christliche Nachbar, der auch während der Fastenzeit nicht auf seine Grill-Abende mit Steaks und Bier verzichtet, die gläubige Mutter, die das Kotzen bekommt, wenn ein Priester sich an Messdienern vergangen hat und zu leicht aus der Sache heraus kommt, der schwule Katholik, der jeden Abend betet, sich aber für seine Sexualität richtigerweise nicht schämt, der Mann aus dem Altenheim, der zwar an Gott glaubt, aber seit 60 Jahren keine Kirche mehr von Innen gesehen hat, weil er Glauben und Religion sinnvollerweise nicht an irgendwelchen Menschen oder Gebäuden festmacht. Oder die unzähligen Leute, die zwar gläubig sind, aber niemals beim Sex auf Kondome, Pillen oder sonstige Verhütungsmittel verzichten würden.

All das wissen wir. Wir wissen zu unterscheiden zwischen normalen, gläubigen Katholiken und denen, die da über die Strenge schlagen und tatsächlich fundamentalistisch veranlagt sind. Wenn solche dann mit Baseballschlägern ein schwules Pärchen erschlagen, richtet sich unsere Wut oder unser Entsetzen gegen genau diese Schläger, die ihren Glauben irrgeleitet ausleben, aber niemand käme ernsthaft auf die Idee „die Katholiken“ als Gesamtgruppe dafür in „Sippenhaft“ zu nehmen.

Warum also tun wir uns so schwer, dies auch gegenüber Muslimen genau so zu praktizieren? Warum setzt bei so vielen Menschen schlagartig der Reflex ein, dass Muslime = Islamisten sein müssen? Warum fällt es manchen Menschen so schwer, hier genauso zu differenzieren, wie wir das beispielsweise bei den Katholiken machen? Verallgemeinerungen mögen das Leben leichter machen, weil sie eine gewisse Einfachheit in unserem sonst so komplexen Leben suggerieren, die tatsächlich jedoch nicht existiert.

Denn plötzlich ist da diese aufgestylte, heiße Blondine an der Theke, die gerade an ihrem zweiten Doktortitel in Jura arbeitet und wohl doch nicht so blöd ist, wie es immer heißt. Vor der Bar parkt ihre Freundin mit dem dicken SUV in drei Zügen in die Parklücke ein, an der sich der Kerl mit dem Kleinwagen vergeblich mehrere Minuten die Zähne ausgebissen hat. Neben ihr auf dem Beifahrersitz blättert ihr Freund begeistert durch den Ikea-Katalog, den er gerade aus dem schwedischen Möbelhaus mitgebracht hat, weil er keine Lust hatte, mit seinen Freunden ins Stadion zu gehen, da er sich nicht für Fußball interessiert. Der etwas zu kurz geratene Pole mit den roten Haaren rennt mit einer Handtasche in der Hand aus dem Cafe gegenüber… um sie der älteren Dame zu bringen, die sie dort gerade vergessen hatte. Danach macht er sich auf den Weg in die Gemeinschaftspraxis, in der er als Arzt tätig ist. Dort sitzt schon der erste Patient im Wartezimmer, mit fettigen Haaren, gekleidet in einen 80er-Jahre Seiden-Jogginganzug und von der muslimischen Dame an der Rezeption mit den Worten „Herr Professor Müller, Sie können dann schonmal in Zimmer 3 gehen“ aufgerufen wird, bevor sie herzhaft in ihr Schinkenbrötchen beißt, weil sie heute morgen verschlafen und es nicht geschafft hatte, zu frühstücken. Ihr seht, was ich meine, oder? Der Schein kann trügen, insbesondere, wenn man Leute allzu schnell in irgendwelche Schubladen einsortiert.

Wenn man einen Menschen wirklich beurteilen können will, muss man sich vorher mit ihm beschäftigen und ihn kennenlernen, sonst ist eine „Klassifizierung“ kaum möglich. Dann wird man oft auch schnell feststellen, dass eben nicht nur der Türke aus dem Kiosk an der Ecke die „rühmliche, integrierte Ausnahme“ ist, sondern der Großteil der Muslimen ganz normale Menschen sind, die einfach nur leben wollen – mit ihren menschlichen Macken und Eigenheiten. Bei manchen wird man feststellen, dass man mit ihnen nicht klarkommt, manche empfindet man als Arschlöcher, andere werden Freunde werden. So wie das bei jedem Mensch der Fall ist.

Eigentlich halte ich es für falsch, bei so einer Tragödie, wie sie sich in Frankreich ereignet hat, einzelne Schicksale hervorzuheben oder gar zu versuchen, Helden zu generieren. Denn genau so, wie drei kranke Gestalten, die tötend durch Frankreich ziehen, nicht aus jedem Muslimen automatisch einen gefährlichen Islamisten machen, macht ein mutiges Gegenbeispiel nicht aus jedem Muslim einen Helden. Dennoch zeigt sich am Beispiel von Ahmed Merabet, dass es eben wirklich auch anders geht. Er hat aktiv vorgelebt, worüber wir anderen -auch ich- derzeit nur reden.

Merabet war Polizist und gläubiger Muslim. Er starb gemeinsam mit einem Kollegen bei dem Versuch, die Redaktion des Satiremagazins, welches sich durch eine Karikatur über Merabets Glauben lustig gemacht hatte, vor den Angreifern zu schützen.

jesuisahmed

Nun mag man sagen, dass er eben seinen Job als Polizist gemacht hat. In meinen Augen hat er mehr getan, viel mehr. Er stand mit seinem Leben dafür ein, eine Freiheit zu schützen, die anderen das Recht gab und gibt, Meinungen zu veröffentlichen, die ihm persönlich vermutlich nicht gefallen haben.

„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“

(Voltaire)

Es mag natürlich gut sein, dass ihm das in dem Moment selbst nicht wirklich bewusst war, dennoch: mir persönlich jagt das derzeit regelmäßig einen kalten Schauer über den Rücken, wenn ich darüber nachdenke. Wie eingangs erwähnt, es könnte das Drehbuch eines facettenreichen Films sein – doch es ist tragische und traurige Realität, die sich da direkt zu Beginn des noch jungen Jahres 2015 ereignet hat. Was bleibt, ist die Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sich meine Befürchtungen nicht bewahrheiten. Hoffnung, dass das Jahr besser wird, als es sein Anfang verspricht. Hoffnung, dass Ahmed Merabet nicht völlig umsonst gestorben ist. Hoffnung auf Freiheit. Hoffnung auf Hoffnung.


Anzeige