So eine Pfeife: Miss Marple und der Sohn seiner Mutter!

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Als Kind habe ich Feste gehasst. Also nicht alle Feste, sondern diese ganz spezielle Art von Festen oder Feiern, bei denen sich nicht nur große Teile der Familie treffen, sondern auch noch Fremde zugegen waren, die man bislang nicht kannte, die aber selbst schon von einem gehört hatten.

Ein gutes Beispiel wären da zum Beispiel runde Geburtstage der Großeltern. Hierzu war dann natürlich nicht nur die Familie eingeladen, sondern auch Freunde und Bekannte der Großeltern. Meist waren diese „Fremden“ natürlich dann auch schon in einem fortgeschrittenen Alter. Und dann kam es, wie es kommen musste, wenn kleine Kinder auf alte Menschen treffen. Da wird hier mal in die Wange gekniffen, da gibt es ein Küsschen, und ständig kreischt jemand „Hach, was ist der süß“. Grausam! Und natürlich kannten diese Leute sämtliche Peinlichkeiten, die man als Kind bis dahin erlebt hatte, weil die Großeltern den Freunden davon erzählt hatten. Umgekehrt wusste man von diesen Leuten gar nichts. Sehr unangenehm, wenn man dann ständig öffentlich auf Ereignisse angesprochen wurde, die man am liebsten vergessen wollte.

So war ich später dann auch ziemlich froh, als ich älter und uninteressanter für die älteren Menschen wurde. Stattdessen traf es dann meist meine kleine Schwester. Wie gesagt, solche Momente kennt sicherlich jeder, oder?

Das scheint auch heute noch nicht aus der Mode gekommen zu sein. Eine Bekannte hat sich neulich selbstständig gemacht und einen kleinen Laden in der Innenstadt eröffnet. Meine bessere Hälfte und ich waren zur Eröffnung eingeladen. Selbstverständlich nicht nur wir, sondern auch viele andere ihrer Freunde, Geschäftspartner, Familie etc. Ein lockerer Steh-Empfang mit Getränken und kleinem Buffet. Mehr braucht man nicht, um mich glücklich zu machen. Während die Leute sich also den Laden ansahen oder herumstanden, um zu plaudern, war ich vorrangig damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass das Buffet nicht schlecht wurde 😉

Hat auch wirklich gut geschmeckt. Und während ich so dort stand und mich am Essen erfreute, hörte ich natürlich mit einem Ohr zu, was die Leute um mich herum so alles zu besprechen hatten. Neben belanglosem Blabla und den üblichen „Den Laden hat sie aber schön eingerichtet“ und „Ich bin ja mal gespannt, ob das hier so läuft, wie sie sich das vorstellt“ fiel mir dann auch eine ältere Dame ins Auge. Die war genau von der Art, wie ich sie eingangs erwähnt hatte.

Also schon etwas in die Jahre gekommen, aber immer noch mit zielsicherem Blick für ahnungs- und wehrlose Kinder, die die Gefahr noch nicht (er-)kannten und nicht schnell genug weg liefen. So erwischte es ganz in meiner Nähe auch einen kleinen, blonden Jungen, den sie in die Finger bekam und -natürlich- in die Wange kniff. Der arme Kerl wusste gar nicht so recht, wie im geschah, stand mehr oder weniger regungslos vor ihr und riss die Augen auf. Ein böser Fehler, denn das schien der Alten zu gefallen. Jedenfalls kreischte sie los „Ja nein, was bist du denn für ein süßer Kerl. Na, wer bist du denn?“

Eine Antwort bekam sie natürlich nicht von ihm. Zu verschreckt stand er einfach nur da, wie gelähmt durch den Schock. Eine Abwehr-Reaktion, die gegen die Omis dieser Welt leider herzlich wenig hilft. Und so ließ sich die Dame trotz fehlender Antwort nicht davon abhalten, den Jungen weiter zu malträtieren. „Hmm, magst du nicht mit mir sprechen? Bist du aber süß, so schüchtern.“

Nein, du dumme Nuss, das arme Schwein hat einfach nur furchtbare Angst vor dir… hätte ich vielleicht gesagt, wenn mein Mund nicht gerade voller Köstlichkeiten gewesen wäre. Hatte ich aber. Und so konnte die alte Dame ungehindert weiter auf den Jungen einreden, bis sie einen Satz fallen ließ, der so herrlich inhaltsleer und bescheuert war, dass ich mich vor Lachen beinahe verschluckt hätte:

„Du musst mir ja auch gar nichts sagen, man sieht ja schon am Gesicht, wer du bist. Du bist bestimmt der Sohn von… ähm… von deiner Mutter!“

Wow, messerscharf geschlossen, Miss Marple! Da wäre ich ja nie drauf gekommen. Übrigens war ich nicht der einzige, der darüber lachen musste. Das war der Omi dann wohl doch etwas peinlich. Jedenfalls war sie daraufhin so unachtsam, dass der Junge schnell entkommen konnte. Wer weiß, welche irreparablen Schäden die Dame sonst noch in seiner Kindheit angerichtet hätte.

Kennt ihr das auch noch aus eurer eigenen Kindheit, dass ihr von Fremden so bequatscht wurdet? Oder habt ihr das schon erfolgreich verdrängt? War euch das damals auch so unangenehm? Und wie ist es heute? Seid ihr gegenüber Kindern genauso, oder verhaltet ihr euch (noch) anders? Könnte das am Alter liegen?


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