Unterschied zwischen Mord und Totschlag

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ParagraphenHeute mal ein Artikel, der auf einem traurigen Ereignis basiert. Kürzlich ist bei uns in der Stadt ein Säugling tot und weggeworfen in einer Tüte aufgefunden worden. Man hat daraufhin bei der Polizei eine Sonderkommission gegründet, welche die Eltern dann auch dank Hinweisen aus der Bevölkerung ausfindig machen konnte.

Es handelt sich um zwei junge Erwachsene im Alter von 19 und 20 Jahren, die das Kind nicht haben wollten und daher von langer Hand geplant hatten, das Kind nach der Geburt zu „beseitigen“. Gegen die beiden wurde umgehend eine Anklage wegen Totschlags in die Wege geleitet.

Daraufhin reagierten Leser der polizeilichen Pressemitteilung in den sozialen Netzwerken wütend und verständnislos. Nicht nur wegen der Tat, sondern auch deswegen, weil „nur“ eine Anklage wegen Totschlags und nicht wegen Mordes angestrebt wird. Hierbei wurde ersichtlich, dass viele den tatsächlichen Unterschied zwischen Mord und Totschlag einfach nicht kennen. Daher hier einmal eine Erklärung zum Unterschied:

Wann eine Tötung nicht automatisch ein Mord ist

Oftmals war in den Kommentaren zur besagten Pressemitteilung zu lesen, dass die Tötung des Säuglings ja eiskalt und lange vorher schon geplant war, weswegen das doch ein Mord gewesen sei. Auch wurde teilweise eine Anklage wegen Mordes damit gefordert, dass die Tat gegen ein wehrloses Wesen einfach völlig unverständlich sei.

In der Tat fällt es schwer, die Tat nachvollziehen oder sogar verstehen zu können. Denn selbst, wenn man sich als junger Mensch mit einem Kind überfordert fühlt, gibt es mehr als eine Möglichkeit, dieses „Problem“ zu lösen, ohne das Kind töten zu müssen. So ist beispielsweise unweit des Fundorts der Baby-Leiche ein Krankenhaus vorhanden, welches über eine sog. Babyklappe verfügt, in welches man ein ungewolltes Kind jederzeit anonym ablegen kann.

Aber darum soll es gar nicht gehen. Denn weder wird das Töten eines Menschen durch Unverständnis der Bevölkerung zu einem Mord, noch dadurch, dass die Tat geplant war. Auch das Argument, dass die Tötung vorsätzlich erfolgte, macht die Tat nicht zum Mord, denn natürlich gibt es auch vorsätzlichen Totschlag. Totschlag hat nicht automatisch etwas mit „Affekt“ zu tun!

Wann eine Tötung ein Mord sein kann

Wann das Töten eines Menschen ein Mord ist, steht vielmehr im Gesetz definiert.

Grundsätzlich ist jedes Töten eines anderen Menschen erst einmal „nur“ ein Totschlag gem. §212 StGB. Zum Mord wird ein Totschlag erst dann, wenn eines der Mordmerkmale erfüllt wird, die in § 211, Absatz 2 StGB abschließend aufgezählt sind. Werfen wir mal einen Blick darauf:

Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.

Da einen Mörder eine lebenslange Freiheitsstrafe als Strafe erwartet, hat das Bundesverfassungsgericht in den 70er Jahren entschieden, dass diese Strafe als einzige Sanktion des § 211 StGB zwar verfassungskonform ist, aber sehr restriktiv auszulegen ist. Das bedeutet, dass die einzelnen, im Paragraphen aufgeführten Mordmerkmale in sehr engen Grenzen erfüllt sein müssen, um bejaht werden zu können. Das hat im Laufe der Jahre dazu geführt, dass die einzelnen Mordmerkmale eigenständige Definitionen durch Rechtsprechung und Literatur erhalten haben. Gehen wir die einzelnen Merkmale einmal durch und schauen uns an, ob und wie sie sich auf unseren Basis-Fall anwenden lassen:

Mordlust

Definition: Aus Mordlust tötet der Täter, wenn es ihm darauf ankommt, einen Menschen sterben zu sehen, wenn er aus Mutwillen, Angeberei oder Zeitvertreib tötet, die Tötung als nervliches Stimulans oder sportliches Vergnügen betrachtet.

Ich denke, wir sind uns einig, dass dieses Merkmal hier nicht vorliegt. Es ist jedenfalls nicht ersichtlich, dass die Eltern das Kind getötet haben, weil ihnen das Spaß gemacht hat.

Zur Befriedigung des Geschlechtstriebes

Definition: Zur Befriedigung des Geschlechtstriebes handelt, wer sich durch den Tötungsakt als solchen sexuelle Befriedigung verschaffen will, wer sich in nekrophiler Weise am Opfer vergehen will oder zum ungestörten Sexualgenuss Gewalt anwendet und dabei den Tod des Opfers billigend in Kauf nimmt.

Auch dieses Merkmal liegt hier nicht vor. Es ist eher für Fälle gedacht, in denen der Täter beispielsweise bei einer Vergewaltigung den Tod des Opfers bei der Vergewaltigung in Kauf nimmt oder das Opfer tötet, um sich danach an ihm zu vergehen. Auch erfasst werden die Fälle, in denen der Täter sexuelle Befriedigung dadurch erlebt, dass er jemanden tötet.

Habgier

Definition: Habgier ist das ungezügelte und rücksichtslose Gewinnstreben um jeden Preis, auch um den eines Menschenlebens.

Dieses Mordmerkmal fasst Fälle, in denen man sich beispielsweise ein Erbe erschleichen will, oder auch die sog. Profikiller-Fälle, in denen ein Killer für Geld einen Menschen umbringt. Auch das liegt im Basis-Fall nicht vor.

Heimtückisch

Definition: Heimtücke ist das bewusste Ausnutzen der Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers. Arglos ist, wer zu Beginn der mit Tötungsvorsatz geführten Angriffshandlung nicht mit einem Angriff des Täters rechnet.

Hier wird der juristische Laie möglicherweise zum ersten Mal aufschreien und sagen, dass das ja völlig auf den Basis-Fall zutrifft. Schließlich müsste das Baby ja wohl arg- und wehrlos gewesen sein. Dem ist aber laut ständiger Rechtsprechung ausdrücklich nicht so, da Kinder erst ab ca. 3 Jahren, keinesfalls jedoch im Säuglingsalter, zu Argwohn fähig sind. Und wer keinen Argwohn hat, dessen Argwohn kann auch nicht heimtückisch überlistet werden.

Die Wehrlosigkeit des Opfers muss vorliegend nicht angezweifelt werden. Da das Opfer jedoch wehr- UND arglos sein muss, wird das Merkmal der Heimtücke vorliegend nicht erfüllt.

Grausam

Definition: Grausam tötet, wer dem Opfer aus gefühlloser, unbarmherziger Gesinnung besonders schwere Schmerzen oder Qualen körperlicher oder seelischer Art zufügt (nicht möglich bei Ohnmächtigen).

Auch hier mag mancher juristische Laie kurz zucken. Denn natürlich mag das Töten eines Säuglings dem normalen Sprachgebrauch nach immer grausam sein. Gemäß juristisch-enger Definition müssen dem Opfer dann aber besonders schwere Schmerzen körperlicher oder seelischer Art zugefügt werden. Hierzu sagt der Basis-Fall jedoch nichts aus. Generell ist das Merkmal zum Beispiel für Fälle gedacht, in denen der Täter das Opfer mehr als „nötig“ quält.

Mit gemeingefährlichen Mitteln

Definition: Mit gemeingefährlichen Mitteln handelt, wer das Mittel im konkreten Fall nicht beherrschen kann und es eine Gefahr für eine unbestimmte Zahl von Menschen mit sich bringt.

Gemeint sind zum Beispiel Angriffe mit Elementen wie Feuer, Wasser, Sprengstoff, radioaktiven oder giftigen Stoffen etc., die sich nicht beherrschen und auf einzelne Personen ausrichten lassen, sondern auch mehrere Personen auf einmal in Gefahr bringen können. Das liegt im Basis-Fall nicht vor.

Um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken

Definition: Hier ergibt sich die Definition ausnahmsweise aus dem Wortlaut.

Vorliegend sollte durch die Tötung des Säuglings keine andere Straftat verdeckt oder ermöglicht werden.

Aus sonst niedrigen Beweggründen

Definition: Sonst niedrige Beweggründe sind Tatantriebe, die sittlich auf niedrigster Stufe stehen und nach allgemeinen Wertmaßstäben besonders verachtenswert sind.

Hier haben wir das einzige Merkmal, welches man ggf. auf den Basis-Fall anwenden könnte. Es kommt hier darauf an, ob man die Tötung eines Säuglings nach den Wertmaßstäben als sittlich auf niedrigster Stufe ansiedeln will. Grundsätzlich könnte man sich das schon vorstellen, da das Töten eines wehrlosen Babys sicherlich selten von der Mehrheit der Gesellschaft akzeptiert wird.

Allerdings sind die Mordmerkmale -wie eingangs erwähnt- sehr restriktiv auszulegen. Dies gilt insbesondere für das Merkmal der sonst niedrigen Beweggründe, da es mehr oder weniger einen Auffangtatbestand darstellt, also per se schon nicht sehr eingeschränkt in seiner eigenen Aussage ist und daher besonders streng beschränkt wird. Tatsächlich findet dieses Merkmal in der Praxis daher nur sehr selten Anwendung.

Auch vorliegend würde das Merkmal wohl verneint werden, weil zumindest auch die Beweggründe und Begleitumstände der Tötung mit einbezogen werden müssten. Hierbei geht es nicht darum, aus den Tätern plötzlich Opfer zu machen, aber in der Tat als solcher kommt gleichwohl ziemlich zum Ausdruck, dass die Täter mit ihrer Rolle als Eltern -trotz der neun Monate, die sie sich darauf vorbereiten konnten- offensichtlich überfordert waren. Hierbei mag auch ihr Alter und Reifegrad eine Rolle gespielt haben. Das macht die Tat nicht besser, zeigt aber die Beweggründe dafür. Verzweiflung, Überforderung mit der Situation oder fehlende Reife sorgten in ähnlich gelagerten Fällen jedenfalls NICHT dafür, niedrige Beweggründe zu bejahen.

Fazit zu den Mordmerkmalen

Da somit keines der abschließend geforderten Mordmerkmale des § 211 StGB erfüllt zu sein scheint, erfolgt keine Anklage wegen Mordes, sondern „nur“ wegen Totschlags. Es ist verständlich, wenn dem juristischen Laien da nun das Blut in Wallung gerät. Ebenso mag es für den ein oder anderen Leser befremdlich wirken, wie sachlich und weitgehend emotionslos die Gesetzeslage hier dargestellt und interpretiert wurde. Aber genau so funktionieren unsere Gesetze: es geht nicht um Emotionen und Gefühle, sondern um eine möglichst sachliche Auseinandersetzung mit dem zugrunde liegenden Fall, um ein möglichst objektives Urteil und Strafmaß festzulegen.

Totschlag ist kein Freifahrtschein

Überdies müssen unbedingt noch zwei Dinge klargestellt werden: zum einen ist es natürlich jederzeit möglich, dass die Anklage noch erweitert und auf Mord umgestellt wird, wenn sich im Laufe des Verfahrens doch noch Mordmerkmale herausstellen sollten.

Zum anderen ist es nicht so, dass die Anklage wegen Totschlags ein Freifahrtschein ist. Genauso, wie man als Mörder immer noch die Chance hat, im Laufe der Jahre trotz lebenslänglicher Freiheitsstrafe wieder auf freien Fuß zu kommen, kann man genauso als Totschläger lebenslang hinter Gitter wandern, wenn ein besonders schwerer Fall des Totschlags durch das Gericht festgestellt wird.

Dies ist allerdings zugegebenermaßen nicht die Regel, da sich darin das gleiche Problem wie beim Mord widerspiegelt, wonach eine lebenslange Freiheitsstrafe sehr restriktiv auszulegen ist. Aber: selbst die Mindeststrafe für Totschlag liegt bei fünf Jahren. Das ist das MINDEST-Strafmaß, welches dann fällig ist. Das Gericht kann natürlich auch mehr anordnen. Bei diesem Strafmaß ist dann auch KEINE Bewährung möglich, so dass man die Strafe tatsächlich im Gefängnis absitzen muss und nicht in Freiheit verbringen kann.

Insofern sollte man eine mögliche Verurteilung wegen Totschlags nicht als Kleinigkeit abtun, wie dies teilweise von manchen Laien gemacht wird. So viel besser als beim Mord steht man sich bei einer Verurteilung wegen Totschlags nicht gleich und ein „Kinderspiel“ ist auch eine solche Verurteilung ganz bestimmt nicht.

Besonderheiten im vorliegenden Fall

Was im vorliegenden Fall jedoch noch passieren kann ist, dass die beiden Täter nach Jugendstrafrecht verurteilt werden, da beide zwar über 18, aber unter 21 sind. In dem Fall kann das Gericht entscheiden, ob Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht angewendet wird. Hierbei spielt insbesondere eine Rolle, welches Verhalten, welches Verantwortungsbewusstsein und welchen Reifegrad die beiden im alltäglichen Leben so an den Tag legen. Die Art und Weise, wie die beiden im vorliegenden Fall gehandelt haben, zeugen jedenfalls nicht von Reife oder Verantwortungsbewusstsein, so dass es durchaus wahrscheinlich ist, dass beide noch nach Jugendstrafrecht be- und verurteilt werden.

Schlussworte

Ich hoffe, dass ich damit bei euch für ein wenig Klarheit sorgen konnte, wo denn nun genau der Unterschied zwischen Mord und Totschlag liegt. Auf viele Details bin ich aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht eingegangen. Juristen wissen das eh, Laien hingegen würde es teilweise eher verwirren und von der eigentlichen Aussage dieses Artikels ablenken.

Es ist also nicht so, dass die Justiz bei Anklage wegen Totschlags die Täter mit Samthandschuhen anfasst, sondern es geht dann nur darum, dass die besonderen Mordmerkmale einfach nicht vorliegen. Ferner solltet ihr im Hinterkopf behalten, dass eine Verurteilung wegen Totschlags ebenfalls nicht bedeutet, dass man nicht trotzdem für viele Jahre ins Gefängnis muss. Durch Totschlag statt Mord werden weder die Täter zu Opfern gemacht, noch werden die eigentlichen Opfer nicht ausreichend gewürdigt. Die Tatsache, dass Totschlag in der Öffentlichkeit viel harmloser und „leichter“ als Mord wirkt, liegt einfach in unserem alltäglichen Sprachgebrauch begründet. Tatsächlich jedoch handelt es sich bei beiden Straftaten um schwere Verbrechen, die beide hart bestraft werden.

Kanntet ihr diese Unterscheidung zwischen Mord und Totschlag schon? Oder habt ihr Totschlag auch immer nur mit „Totschlag im Affekt“ verbunden und euch daher so manches mal gewundert, warum Tötungen nicht als Mord, sondern als Totschlag geahndet wurden? Wie könnte man eurer Meinung nach diese Unterschiede für die Öffentlichkeit bekannter und transparenter machen? Und würde das überhaupt etwas nutzen, oder spielen in der öffentlichen Wahrnehmung für solche Unterscheidungen die Emotionen eine zu gewichtige Rolle?

Bild: Bernd Wachtmeister / pixelio.de

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