Wenn die Schublade zur Falle wird

Schublade_by_Rolf Handke_pixelio.deDer Mensch denkt in Schubladen. Da kann er nichts für, das ist menschlich. Schubladen-Denken hat dem Menschen vor Urzeiten oftmals das Leben gerettet. Wenn er nämlich einmal eine Gefahrenquelle als solche erkannt hatte, hütete er sich in der Folge nicht nur vor diesen, sondern auch vor ähnlichen Gegnern, ging ihnen aus dem Weg und überlebte daher.

Heute sieht das anders aus. Natürliche Feinde lauern in der modernen Zivilisation nicht mehr an jeder Ecke. Das Schubladen-Denken hingegen ist geblieben. Doch nicht nur potentielle Feinde werden in Schubladen gesteckt, sondern auch Menschen, denen wir begegnen, ja sogar Marken bzw. Unternehmen werden von uns manchmal in feste Schubladen gesteckt. Und jeder wird es schon einmal festgestellt haben: wenn man einmal in einer Schublade steckt, kommt man da nicht mehr so einfach heraus.

Aus diesem Grund sind viele Schauspieler ja bemüht, eine Rolle nicht zu oft oder zu lange zu spielen. Ansonsten gelten sie als „darauf festgelegt“, weil sich der Zuschauer daran gewöhnt hat. Wenn jemand immer nur Komödien spielt, ist der Zuschauer verwirrt, wenn er mit diesem Schauspieler plötzlich in einem ernsten Drama mitfühlen soll. Obwohl Ed O’Neill nach „Eine schrecklich nette Familie“ noch einige ernstere Rollen in Filmen gespielt hat, ist er für viele immer Al Bundy, der Schuhverkäufer, geblieben.

Was für Schauspieler ungünstig sein kann, ist auch für Unternehmen gefährlich. Haftet einem Unternehmen einmal ein bestimmter Ruf an oder wird man auf ein bestimmtes Produkt reduziert, fällt es schwer, dieser Schublade noch einmal zu entfliehen. Diese Feststellung durfte ich vor kurzem selbst machen.

Ein Bekannter von mir hat sich selbstständig gemacht, der erste Termin auf einer Messe stand an. Hierfür wollte er noch Visitenkarten haben. Die selbst ausgedruckten sehen da natürlich oftmals nicht sonderlich professionell aus. Vor allem, wenn man einen guten ersten Eindruck machen möchte. Daher fragte er mich, ob es da nicht im Internet ein paar gute Online-Services für Visitenkartendruck gäbe.

Die gibt es natürlich, mit unterschiedlichsten Preisklassen. Allerdings musste ich ihm gestehen, dass ich mich selbst noch nie tiefergehend mit dieser Thematik auseinandergesetzt hatte. Von daher wollten wir beide mal im Netz recherchieren. Es fanden sich die „üblichen Verdächtigen“ für den Visitenkartendruck, aber auch cewe-print.de als Suchergebnis. CEWE ist bei uns in Mönchengladbach ein durchaus bekanntes Unternehmen, da es hier bei uns eine entsprechende Zweigstelle gibt.

Mein Bekannter wunderte sich, dass CEWE in den Suchergebnissen auftauchte. Er sagte, dass seien doch die, wo man diese Fotobücher machen lassen kann. Tatsächlich ist der Name Cewe aus der einschlägigen Werbung meist nur als Hersteller von Fotobüchern bekannt. Daneben gibt es allerdings die breit angelegte Plattform für sonstige Print-Produkte; klar, dort kann man natürlich auch Visitenkarten drucken. Doch obwohl das eigentlich selbstverständlich scheint, war es für meinen Bekannten schwer vorstellbar. Zu festgefahren war die Sache mit den Büchern in seinem Kopf. Hätte Google uns den Treffer nicht angezeigt, wären wir beide wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, bei CEWE nach Visitenkarten zu suchen, oder auf die Idee zu kommen, dass es eine separate Print-Sparte gibt.

Obwohl es sich doch um eine Druckerei handelt. Manchmal sieht man halt den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die drucken Visitenkarten, Grußkarten, Flyer, Broschüren… Da aber die Werbung im Internet oftmals so stark auf die Fotobuch-Schiene fokussiert war, hatten wir die anderen Produkte gar nicht auf dem Schirm, sondern das Unternehmen einfach nur in die Schublade „Fotobücher“ gesteckt.

Man sieht: während es früher überlebenswichtig war, in abstrakten Schubladen und Kategorien zu denken, um sich erfolgreich vor Feinden zu schützen, kann dieses Schubladen-Denken heutzutage in vielen Lebenslagen sogar absolut kontraproduktiv sein. Hierbei werden nicht nur Menschen, sondern auch Marken und Unternehmen zu Opfern der Schubladen.

Ist es euch auch schon einmal bewusst passiert, dass ihr aufgrund von Schubladen-Denken einen Fehler gemacht habt? Oder seid ihr schon einmal bei anderen in einer Schublade gelandet, mit der ihr euch absolut nicht identifizieren konntet? Kennt ihr Unternehmen, die in einer solchen Falle stecken und auf bestimmte Produkte reduziert werden, obwohl sie noch viel mehr zu bieten haben?

Foto: Rolf Handke / pixelio.de

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