Können Blogs echte Tagebücher sein?

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TagebuchFrüher hatte ich mal eine kurze Phase, in der ich versucht habe, ein Tagebuch zu führen. Wenn man den allgemeinen Klischees Glauben schenken darf, ist das für einen Jungen ja eher ungewöhnlich. Allerdings hatte sich das Thema bei mir dann auch wieder schnell erledigt. Täglich etwas hineinzuschreiben, war mir schnell zu lästig, zumal auch nicht jeden Tag Dinge passierten, die einen Eintrag rechtfertigt hätten. So wurden die Einträge dann schleichend unregelmäßiger, bis ich sie nach kurzer Zeit ganz bleiben ließ.

Jetzt, Jahre später, ärgere ich mich im Nachhinein manchmal ein wenig darüber. Ich habe das Gefühl, den eigentlichen Wert eines Tagebuchs kann man zu dem Zeitpunkt, zu welchem man das Tagebuch mit Inhalt füllt, noch gar nicht wirklich abschätzen. Richtig wertvoll wird es doch erst Jahre oder gar Jahrzehnte später, wenn man es beim Aufräumen plötzlich wiederfindet, darin blättert und durch das Gelesene Erinnerungen geweckt werden, an die man sonst niemals wieder gedacht hätte.

Teilweise kenne ich dieses Phänomen von Ehemaligen-Treffen in der Schule. Man steht oder sitzt in gemütlicher Runde zusammen und erzählt sich gegenseitig Dinge aus der gemeinsamen Vergangenheit. Da kommen dann plötzlich Themen zur Sprache, die man selbst schon fast vergessen hatte, obwohl die Erinnerung daran noch vorhanden ist. Und das sind dann nur die Themen, die man sozusagen öffentlich mit anderen gemeinsam erlebt hat.

Bei einem Tagebuch tritt ja noch die persönliche Komponente hinzu. Da schreibt man Sachen drin auf, die mitunter sehr persönlich sind und von denen kein anderer Mensch etwas weiß oder wissen sollte. Hieran kann man später nicht mehr von anderen Menschen erinnert werden, das schafft nur ein Tagebuch – oder ein sonstiger Gegenstand, der mit dem jeweiligen Ereignis verknüpft ist.

Doch man kann sich von Tagebüchern nicht nur an bestimmte Ereignisse oder persönliche Gedanken erinnern lassen, sondern auch die eigene, persönliche Entwicklung nachvollziehen. Man erkennt, wie man in bestimmten Situationen mit dem Leben umgegangen ist, wie man sich und sein Verhalten im Laufe der Zeit geändert hat. Man kann sehen, woher man kommt, was die Blickrichtung auf den Punkt, an dem man aktuell steht, mitunter verändern kann. Man kann aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen.

Ich habe solche Tagebücher nicht, mit denen ich mich auf meine Kindheit und Jugend zurückbesinnen kann. Mir bleiben da nur meine bestehenden Erinnerungen. Teilweise werden auch Blogs als moderne Form der Tagebücher angeführt. Ich bin da meist ein Stück weit skeptisch. Natürlich kann man auch einen Blog wie ein Tagebuch führen. Aber letztlich sind Blogs öffentlich, was dazu führt, dass der Großteil der „Tagebuch-Blogger“ sicherlich nicht alles von sich in der Art und Weise preisgeben, wie sie es in einem geheimen, nur für sie persönlich zugänglichen Tagebuch schreiben würden. Das ist verständlich und nachvollziehbar, nur macht genau dies für mich den Punkt aus, dass ein Blog kein kompletter Tagebuch-Ersatz sein kann. Dennoch geht es natürlich in die Richtung, so dass man sich über Artikel in seinem persönlichen Blog immerhin immer wieder an bestimmte Dinge und Ereignisse zurückerinnern kann, auch wenn dies wohl nie die persönlichsten sein werden, sondern stets nur die, die man als „harmlos“ genug erachtete, um sie mit der Öffentlichkeit teilen zu können.

Wie sind eure Erfahrungen mit Tagebüchern? Habt ihr welche geführt? Oder schreibt ihr sie immer noch? Nimmt das mit dem Alter ab, oder sind sie für euch zeitlos? Was waren oder sind die Beweggründe für euch, ein Tagebuch zu führen? Schreiben auch Männer über längere Zeit konsequent Tagebücher? Und kann ein Blog als echtes, vollwertiges Tagebuch geführt werden, oder geht dies aufgrund der teilnehmenden Öffentlichkeit immer nur bis zu einem gewissen Punkt, bis zu dem man persönliches von sich preisgeben möchte?

BirgitH / pixelio.de

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