Blogs und Soziale Netzwerke – zerstören wir die Gesellschaft?

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Der Horst hat drüben auf seinem Blog ein interessantes Thema angesprochen, über das ich mir in der Vergangenheit auch schon so manches mal Gedanken gemacht habe. Ausgehend von einem Zitat von Markus Lanz, der in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger beschwert haben soll, dass jeder, der sich in der medialen Öffentlichkeit bewegt, früher oder später von (anonymen) Menschen aus dem Internet angegriffen wird, stellt Horst die nicht unberechtigte Frage, ob es nicht wirklich vielleicht so ist, dass das Internet in der Lage ist, eine destruktive Wirkung auf unsere Gesellschaft zu haben?

Manch einer wird nun sofort reflexartig und empört “Nein, natürlich nicht!” schreien wollen. Aber ganz so einfach ist die Sache meines Erachtens nach nicht. Meine folgende Meinung und Erfahrung stützt sich hierbei in erster Linie auf deutschsprachige Blogs und Kommentarspalten deutschsprachiger Internetseiten, sowie deutschsprachige Fanseiten von Unternehmen auf Facebook & Co. Wie es in anderen Ländern dieser Welt aussieht, vermag ich daher nicht zu beurteilen.

Wirft man einen Blick in Blogs, Kommentarspalten von News-Seiten oder so manche Diskussion in sozialen Netzwerken, kann man sich oftmals tatsächlich nicht des Eindrucks erwehren, dass es dort mitunter extrem radikal zugeht. Da wird beschimpft, verleumdet, verdächtigt und provoziert, dass einem schwindelig werden kann. Meist von Leuten, die in dem Glauben sind, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Und das ist -zumindest bei News-Seiten- dann oftmals schon die entschärfte Variante, in welcher Kommentare fehlen, die von der zuständigen Redaktion entfernt wurden. Ich würde hierfür noch nicht einmal zwangsläufig die Möglichkeit verantwortlich machen, dass die jeweiligen Autoren sich die Anonymität zunutze machen. Vielmehr gibt es auch genug Beispiele, wo Leute trotz Klarnamen kein Blatt vor den Mund nehmen. Nur: ist das wirklich ein Phänomen des Internets?

Nein, ich sehe das nicht so. Das gab es auch schon in Zeiten vor dem Internet. Damals hat man sich dann halt am Stammtisch in der Kneipe, nach dem Sport oder beim Friseur gegenseitig in Rage geredet und ist über diesen und jenen hergezogen, hat gelästert oder “vom Leder gezogen”. Das ist kein neues Phänomen. Und doch hat das Internet diese Sache nachhaltig verändert. Denn es bietet einfach eine viel, viel größere Plattform. Beschränkten sich solche “Diskussionen” also früher auf den Bereich des privaten Stammtischs, kann/ muss heutzutage jeder Notiz davon nehmen, der auf dem jeweiligen Blog unterwegs ist, die Kommentare unter Artikeln auf News-Seiten liest, oder der in seiner Timeline im sozialen Netzwerk gerade darauf aufmerksam wird.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass weder die Menge, noch die “Schimpf- oder Spott-Qualität” solcher Beschimpfungen und Hass-Tiraden in den letzten Jahrzehnten signifikant zugenommen hat. Wir bekommen es nur heute -dank des Internets- immer häufiger und viel intensiver selbst mit. Wo wir früher nur das hörten, was im Freundes- und Bekanntenkreis besprochen wurde, wo vielleicht noch das hinzukam, was in der Zeitung stand, empfangen wir heute eine Vielzahl von Quellen. Neben dem Freundes- und Bekanntenkreis, der Zeitung, dem Radio und Fernsehen eben auch die zahllosen Internetseiten, Blogs, Foren usw., in denen uns manche Menschen neben wertvollen Informationen auch gerne mit geistigem Dünnschiss beglücken, den sie in geradezu religiösem Eifer an den Mann bzw. die Frau zu bringen versuchen. Da wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk zum personifizierten Bösen, die katholische Kirche zur Kinderficker-Sekte, Politiker zum Sinnbild der Inkompetenz und der Bundestrainer zum Menschen mit dem geringsten sportlichen Sachverstand im ganzen Land. Und wehe, jemand wagt tatsächlich, Widerspruch dagegen zu erheben. Dann gibt es -rein virtuell natürlich- mächtig “auf die Fresse”. Da zeigt sich dann, dass auch im Internet die Toleranz dort ihre Grenzen hat, wo sie den eigenen Sichtweisen nicht entspricht.

Und daraus kann man durchaus eine gewisse gesellschaftliche Gefahr ableiten. Denn allein dadurch, dass wir den Eindruck haben, dass die ganzen Beschimpfungen, Beleidigungen und schlechten Nachrichten zugenommen haben, steigert sich automatisch unterbewusst unser Unwohlsein. Wir fühlen uns unbehaglich, weil früher vermeintlich alles besser war. Wenn wir ehrlich zu uns sind, war es das zwar nicht, aber wir haben es damals einfach nicht so intensiv mitbekommen. Da konnte jemand noch so viele Beschimpfungen per Leserbrief an die Zeitung senden, der Brief wurde einfach nicht veröffentlicht. Heute schreibt man keinen Leserbrief mehr, man schreibt es als Kommentar unter einen Artikel. Und wenn der dann von der Redaktion gelöscht wird, schreit man laut “Zensur!” und protestiert auf Facebook, Twitter oder dem eigenen Blog über diese “unsäglichen Zustände” der “veralteten Medien”, die den Knall nicht gehört haben und den Anschluss Richtung Zukunft längst versäumt haben.

Das Internet bietet also eine große Bühne für jeden, der glaubt, etwas zu sagen zu haben. Und das haben viele. Und sie wollen gehört werden. Gehört wird in der Menge aber nur der, der am lautesten schreit. Im Internet sticht nur der aus der Masse heraus, der am meisten auffällt. Am einfachsten ist das durch eine stark zugespitze, polarisierende Meinung. Die angebliche Wahrheit, die sonst keiner auszusprechen wagt. Die klassischen “Stammtisch-Parolen” eben. Man sucht sich hierfür Gegner, die bei der breiten Masse unbeliebt sind, um sich der Zustimmung gewiss zu sein.

So wird dann pauschal beispielsweise auf Politiker bzw. die Politik eingedroschen. Da läuft in der Tat so manches falsch. Und die Politiker geben wirklich manchmal kein allzu gutes Bild ab. Aber: das war früher auch schon so. Nur ist es da nicht auf tausenden Internet-Seiten breitgetreten worden.

Oder man motzt über das Fernsehprogramm. Wie beispielsweise über den eingangs erwähnten Markus Lanz. Der macht ja alles scheiße und Gottschalk war sowieso viel besser. Merkwürdigerweise kann ich mich zu Zeiten Gottschalks auch noch prima daran erinnern, wie so ziemlich jede Sendung “Wetten, dass…” nach der Ausstrahlung genüsslich in allen möglichen neuen und alten Medien verrissen wurde. Ok, ich persönlich kann dem Format dieser Sendung schon seit vielen Jahren nichts mehr abgewinnen. Aber dass man jetzt Lanz all die Änderungen negativ vorwirft, die man vorher von Gottschalk immer wieder gefordert hat, ist schon verwunderlich.

Natürlich könnte man auch sachlich und konstruktiv kritisieren. Zu kritisieren gäbe es da sicherlich einiges, sowohl in der Politik als auch beim Fernsehen. Und auch bei allen anderen Themen, die ich hier jetzt nicht beispielhaft aufgelistet habe. Nur: wer würde das schon lesen? Kaum jemand. Weil es uns Menschen nach Sensationen und Skandalen dürstet. Insgeheim wollen wir doch, dass wieder jemand über die Stränge schlägt, wir warten nur darauf, dass jemand in seinen Artikeln noch polarisierender wird, noch ein Tabu bricht – und sei es nur, damit wir uns darüber aufregen können, wie weit es nun schon gekommen ist.

Man stelle sich mal eine Zeitung vor, die ohne Enthüllungen, ohne Skandale auskäme, die nur von heiler Welt berichten würde, die uns sagte, wie gut es uns ginge. Klingt schön, würde aber keiner kaufen. Weil es langweilig wäre. Im Internet ist es ähnlich. Aber deshalb daraus abzuleiten, es wäre die Schuld des Internets, wenn die Gesellschaft vor die Hunde geht, halte ich für falsch. Das Internet macht uns weder schlechter, noch bösartiger. Es stellt uns lediglich eine breitere Plattform zur Verfügung, wodurch wir all dies nun plötzlich viel intensiver wahrnehmen. Da das Internet noch vergleichsweise neu ist, müssen wir uns daran erst noch gewöhnen.

Die Gesellschaft wird durch diese Entwicklung wohl nicht zerstört, aber sie unterliegt sehr wohl einem Wandel. Die Frage wird sein, wie wir letztlich mit den veränderten Rahmenbedingungen umgehen können. Wir werden alte Denkweisen und Strukturen über Bord werfen müssen. Wir sind es aus Zeiten der klassischen Medien noch gewohnt, dass das, was wir präsentiert bekommen, eine allgemein anerkannte Meinung oder einen gesellschaftlichen Trend darstellt. Sonst hätte der klassische Journalismus ja nicht darüber berichtet. Das ist jetzt anders. Nicht jede Meinung, die irgendjemand ins Internet brüllt, ist zwangsläufig eine mehrheitsfähige Meinung. Es ist nur eine unter vielen. Und diejenigen, die zufrieden sind, äußern sich oft erst gar nicht zu solchen Dingen. Das sieht man sehr schön z.B. an politischen Umfragen. Wenn man mal die öffentlich im Internet kund getane Stimmung zu den einzelnen Parteien Revue passieren lässt, dürfte es die FDP schon längst nicht mehr geben und die Union würde anstelle der Liberalen um die 5% kämpfen. Auch um die SPD sähe es nicht viel besser aus. Bei Wahlen hingegen ergibt sich ein anderes Bild. Und das, obwohl heute viele Menschen Zugang zum Internet haben. Weil die paar Schreihälse im Internet eben nur genau das sind: ein paar!

Wir müssen lernen, dass die Welt oder unsere Gesellschaft nicht per se schlechter geworden ist, sondern dass durch das Internet nur die Anzahl der negativen Eindrücke spürbar zugenommen hat. Wir müssen erkennen, dass nicht jeder Wicht, der meint, seinen “Rotz” ins Internet stellen zu müssen, gleich eine repräsentative Meinung darstellt. Wenn wir uns dann auch noch den Blick für die in der virtuellen und realen Welt viel zu selten angesprochenen, schönen Dinge im Leben bewahren, dann ist mir um unsere Gesellschaft auch in Zeiten des Internets nicht bange. Man muss lediglich seinen Blickwinkel ein wenig anpassen.

Was meint ihr, wie wird sich das alles entwickeln? Nehmen wir Dinge durch das Internet inzwischen viel kritischer wahr als früher? Machen schimpfende und pöbelnde Trolle die Welt ein Stück weit schlechter, oder messen wir ihnen damit viel zu viel Bedeutung zu? Lassen wir uns durch Verschwörungstheorien heute viel zu leicht unser Weltbild kaputt machen? Ist die neue Wissens- und Informationsflut des Internets letztlich eher Fluch oder doch ein Segen? Wie geht ihr damit um? Und wie fühlt ihr euch im Internet, sei es nun als Blogger, Social Networker oder einfach als “Konsument” von Informationen?

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