Schaffen Chantal und Kevin das Fernsehen ab?

FernbedienungImmer, wenn ich irgendwo höre oder lese, dass die Menschen hierzulande viel zu viel Zeit vor dem Fernseher verbringen, wundere ich mich. Und zwar nicht über die Behauptung selbst, sondern darüber, dass die Behauptung stimmt! Da frage ich mich immer wieder, wie das überhaupt noch sein kann.

Früher, als ich jünger war, war ich auch ein fleißiger Fernsehzuschauer. Ich habe querbeet alles geguckt, was so im TV lief. Sowohl Sendungen, bei denen man etwas lernen konnte, als auch ganz simples, schlichtes Unterhaltungsfernsehen. Vielleicht sehe ich das rückblickend durch die „Nostalgie-Brille“ etwas zu positiv, aber ich finde, dass die Qualität im Laufe der Jahre deutlich gelitten hat. Was ja auch kein Wunder ist, wenn man sich die Sache mal genauer vor Augen führt:

Früher hatte man das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf der einen Seite, das meist die seriöse Schiene gefahren ist und auch bei Unterhalungs-Shows gerne etwas „bieder“ agierte. Das gefiel der Durchschnittsfamilie, sie war zufrieden damit. Die „Rebellen“ unter den Fernsehzuschauern widmeten sich dann auch gerne mal der anderen Seite, der mit den Privatsendern. Dort gab man sich die größte Mühe, in erster Linie anders zu sein als die öffentlich-rechtlichen – in jeder Hinsicht. Dieses „anders sein“ stand an erster Stelle der Sender – und es funktionierte. Die Fronten waren mehr oder weniger klar abgesteckt, so dass selbst gleiche Formate -wie z.B. Nachrichten- in beiden Lagern völlig unterschiedlich interpretiert wurden.

Und heute? Heute geht es nicht mehr darum, anders zu sein. Heute geht es nur noch darum, erfolgreich zu sein. Es geht um „die Quote“, weil die gleichbedeutend ist mit hohen Werbeeinnahmen – was wiederum den Privaten die Existenz sichert. Also auf der einen Seite durchaus verständlich, aber trotzdem schade. Denn kaum ein Privatsender will noch das Risiko eines finanziellen Flops eingehen, indem er etwas Neues ausprobiert. Da wird dann lieber ein erfolgreiches Rezept unzählige Male kopiert. Könnt ihr euch noch an die unzähligen Talkshows erinnern, die irgendwann alle liefen? Oder die Richter-Sendungen? Die Arzt-Serien? Dann hatte plötzlich „Wer wird Millionär“ Erfolg und die Quizshows, die man kurz vorher noch totgesagt hatte, schossen wieder wie Pilze aus dem Boden.

Und dann kam der Anfang vom Ende: Doku-Soaps! Für Sender ein prima Format. Man schnappt sich ein paar billige Laien-Darsteller, die gemeinsam mit einem wackeligen Kameramann Szenen nachstellen, die sich irgendein Drehbuchautor ausgedacht hat, weil er der Meinung war, es würde irgendein Schwein interessieren, ob die arbeitslose Chantal ihren Freund Kevin auf Mallorca mit seinem Bruder betrügt, weil Kevin keine Zeit für sie hat, seit er damit beschäftigt ist, eine Karriere als Drogenkurier für die Russen-Mafia in irgendeinem Stadtteil von Berlin zu starten. Das alles kostet den Sender im Vergleich zum Kauf teurer amerikanischen Serien oder Eigenproduktionen nur einen Bruchteil des Geldes… und scheint wohl wider Erwarten doch den ein oder anderen zu interessieren. Jedenfalls gibt es inzwischen kaum noch einen Sender, der seine Sendeplätze nicht mit so einem Müll überflutet.

Selbst die öffentlich-rechtlichen Sender hatten irgendwann die bekloppte Idee, dass man zwar mittels GEZ-Gebühren finanziert wird, aber trotzdem auf die Quote achten und daher in direkte Konkurrenz zu den privaten Sendern treten müsse. Das Ergebnis sind oft Sendungen, die für Opa zu „hip“ und für den Enkel viel zu „verkrampft“ ist, weswegen derlei Experimente dann auch meist schnell ins Nachtprogramm verschoben werden, wo dann 4 Wochen später keiner merkt, wenn die Sendung komplett abgesetzt wird.

Was ist mir letztlich vom Fernsehen geblieben? Einige schöne Erinnerungen an Sendungen, die damals noch neu, frech und unverbraucht waren. Heute noch eine Handvoll Serien, bei denen man immer beten muss, dass sie nicht vorzeitig abgesetzt wird, weil sich Chantal und Kevin wirtschaftlicher für den Sender vermarkten lassen. Und Filme? Naja, da wird es schon schwierig. Zwar werden -wenn man den Statistiken glauben darf- am laufenden Band auf der ganzen Welt Filme produziert, aber im Fernsehen laufen immer wieder nur dieselben in Dauerschleife. Selbst die, die man gut findet, kann man sich irgendwann einfach nicht mehr ansehen.

Da habe ich mich neulich noch mit einer Arbeitskollegin drüber unterhalten. Wer Abwechslung bei Filmen haben will, kann sich auf TV-Sender nicht mehr verlassen. Entweder lädt man sich in Online-Videotheken bzw. bei iTunes & Co. einen Film herunter, oder man leiht oder kauft sich günstig gute Filme auf Blu-Ray oder DVD. Das ist -mit Ausnahme des Kinos natürlich- so ziemlich die einzige Möglichkeit geworden, noch Filme zu sehen zu bekommen, die man vielleicht noch nicht kennt.

Mich selbst stört das inzwischen weniger, da das Fernsehen bei mir nicht mehr den Stellenwert hat, den es noch vor Jahren für mich hatte. Unterhaltung und Information finde ich im Internet oft viel eher. Und das nicht auf dem Niveau, welches mir ein Sende-Chef vorgeben will, sondern auf dem Niveau, welches ich in dem Moment suche und haben will. Da können mir Kevin und Chantal mal gepflegt den Buckel herunterrutschen.

Welchen Stellenwert hat Fernsehen für euch heute noch? Nutzt ihr es noch genauso viel oder wenig wie früher? Oder haben sich eure Gewohnheiten geändert? Welche (Ersatz-)Rolle nimmt hierbei das Internet ein?

Foto: Urs Mücke / pixelio.de

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