Der Bundestrainer – nur ein schmaler Grat zwischen dummer und armer Sau

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em-abseits_11Es gibt wohl kaum einen Job, der gleichzeitig so reizvoll und doch auch schwierig ist, wie der des Bundestrainers der Fußballnationalmannschaft Deutschlands. Auf der einen Seite bekommt man als Bundestrainer eigentlich fast immer Zugriff auf ein Spielermaterial, welches um Titel mitspielen kann. Zusätzlich hat historisch gewachsene, psychologische Vorteile auf seiner Seite. Selbst wenn es eher schleppend läuft, gilt Deutschland als Turniermannschaft, die sich im Laufe eines Turniers steigert und im Elfmeterschießen gegen England grundsätzlich gewinnt. Da Fußball zu einem nicht unwesentlichen Teil “Kopfsache” ist, können solche Dinge da manches mal spielentscheident werden, denn der Glaube versetzt Berge und kann den Gegner erfolgreich einschüchtern bzw. ein eigenes Team noch stärker machen.

Doch liegt hier auch gleich einer der Nachteile eines Bundestrainers. Er muss ein Team formen! Das muss grundsätzlich jeder Fußballtrainer. Allerdings haben die Vereinstrainer ihre Spieler während der Saison fast durchgängig unter ihrer Obhut, trainieren diese nahezu täglich und spielen noch umfangreiche Vorbereitungen vor Beginn der Hin- und Rückrunde mit ihnen. Beim Bundestrainer sieht das anders aus:

Er bekommt “seine” Spieler nur zu den Turnieren bzw. den Qualifikationsspielen für die Turniere von den Vereinen “ausgeliehen”. Selbst um die wenigen Freundschaftsspiele, die es im Laufe eines Jahres gibt, und die der Bundestrainer als Testspiele nutzen will und muss, muss er bzw. der DFB meist lang und intensiv mit der Liga verhandeln und feilschen. Logisch, denn mitten in der Saison hat kein Verein großes Interesse daran, seine Spieler für die Nationalmannschaft abzustellen, wo sie sich vielleicht verletzten oder einfach Kraft während einem Test-Kick gegen Kirgisistan vergeuden, wo doch eine halbe Woche später ein wichtiges Vereinsspiel in der Champonsleague anstehen könnte.

Während der Vereinstrainer also alle Zeit der Welt hat, um aus seinen Einzelspielern ein funktionierendes Team zu formen, welches menschlich zusammenpasst und wo die Mitspieler auch sportlich die Laufwege der Mitspieler auswendig kennen, so dass sich Automatismen einspielen können, muss der Bundestrainer dieses Team in einer viel kürzeren Zeit finden und formen.

Selbstverständlich alles unter den strengen Augen seines ärgsten Konkurrenten, dem Zuschauer vor dem TV, am Kneipenstammtisch oder wo auch immer. Neben dem Auto gilt der Fußball als des Deutschen liebstes Kind. Wenn es dann in der Mannschaft gut läuft, jubeln wir alle und loben das tolle Team für seine Leistung. Wobei das Team dann ja meist so gut spielt, dass es sich quasi von selbst aufstellt und man gar keinen Trainer bräuchte. Nur wenn es nicht läuft, dann sieht die Sache anders aus. Dann gerät der Trainer in den Blickpunkt, wenn nicht sogar in die Schusslinie.

Plötzlich wissen es die Millionen von Nationaltrainern auf der Couch natürlich wieder alles viel besser. Warum hat er bloß den Spieler X mitgenommen, wo doch der Y in den letzten Saisonspielen viel besser gespielt hat. Und warum stellt er immer noch den Z auf, wo der doch schon seit ewigen Zeiten nicht mehr getroffen hat. Überhaupt ist das ganze System ja viel zu defensiv ausgerichtet, man müsste viel mehr Aggressivität ausstrahlen und den Gegner damit einschüchtern, schließlich sind wir Deutschland und nicht irgendeine Kreisligamannschaft. Sowieso hat man das selbst beim Managerspiel am PC und der Konsole ja alles schon viel, viel besser hinbekommen.

Da wird der Nationalcoach zur armen Sau, die es niemandem recht machen kann. Vor allem nicht den selbst ernannten Fußball-Experten, die den Fans gerne erklären, was diese gut und was sie schlecht zu finden haben. Hat man sich früher seine Meinung zu einem Spiel noch selbst gebildet, wartet man inzwischen erst einmal die Analyse der jeweiligen Expertenrunde an. Was die aus der Entfernung zu sagen haben, hat dann natürlich viel mehr Gewicht als die Meinung des Trainers, der in direktem Kontakt mit seinen Spielern steht. Da kann einem dann sogar als Nationaltrainer irgendwann mal die Hutschnur platzen – wie einst Rudi Völler in seiner Generalabrechnung mit Delling, Netzer und Waldi Hartmann:

Besonders lustig finde ich am Ende des Videos noch Netzers Reaktion auf Rudis Wutrede: “Weiß der Teufel, wie der [gemeint ist Island] dahin gekommen ist. Island. Tabellenführer. Da gehören wir hin – ähm – Deutschland gehört in die Tabellenführung!” Einfach herrlich! Eines steht für mich jedenfalls fest: solange wir alle Bundestrainer sind, wird es niemals langweilig werden.

Es sei denn, es wird noch mal einen geben wie “Kaiser” Franz Beckenbauer, denn der war und ist ja bekanntlich unfehlbarer als der Papst persönlich. Der durfte sich auch dreimal in einem Satz widersprechen und hatte trotzdem recht. War zwar eine erfolgreiche Zeit mit ihm, aber auch sehr langweilig, so ganz ohne Kritik. Da gefielen dem Deutschen solche Prügelknaben wie Berti Vogts schon besser. Der hatte quasi nie Recht. Selbst als er 1996 mit Deutschland Europameister wurde – übrigens der letzte Titel für Deutschland (Stand heute, 01.05.2012, das darf sich gerne bald mal wieder ändern). Damals lag es ja nicht am Trainer, dass wir Europameister wurden, sondern die Mannschaft war so gut, da hat Matthias Sammer auf dem Platz quasi das Team geleitet. Wie wir schon oben festgestellt haben: wenn es läuft, liegt das an der guten Mannschaft, nicht am Trainer.

Eine Erfahrung, die “Sir” Erich Ribbeck erspart geblieben ist. Uns ist er (leider) nicht erspart geblieben. Erinnert sich überhaupt noch jemand an ihn? Den glücklosesten Bundestrainer mit der schlechtesten Bilanz aller deutschen Bundestrainer. Aber damals lief es so abgrundtief schlecht, dass man diesen Zeitabschnitt gerne vergisst. Entsprechend gut kommt darum auch Ribbeck weg, bei dem viele einfach verdrängt haben, dass er mal Bundestrainer war.

Ist aber letztlich auch egal, denn wir wissen ja alle, dass wir selbst eigentlich die besten und einzig wahren Bundestrainer wären und nicht die Pfeife, die den Job gerade macht oder die, die ihn bisher gemacht haben. Die waren zwar teilweise erfolgreich, aber hätten noch erfolgreicher sein können. Wenn sie auf uns gehört hätten.

Da stellt sich mir nur die Frage, wer war oder ist denn eigentlich euer bisheriger Lieblings-Bundestrainer? Und warum? Und wen würdet ihr -außer euch selbst natürlich- gerne mal als Nationaltrainer sehen, wenn ihr es bestimmen könntet?

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