Warum Männer Fußball mögen

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FußballManche Dinge sind wirklich merkwürdig. Warum macht man sich beispielsweise immer wieder über das Thema „Frauen und Fußball“ Gedanken, andererseits jedoch nie über „Männer und Fußball“? Man nimmt es als „selbstverständlich“ hin, dass Männer -zumindest der überwiegende Teil davon- Fußball mag. Während es ganze Abhandlungen darüber gibt, aus welchen Gründen Frauen Fußball mögen oder nicht mögen, macht man sich bei Männern bezüglich dieser Fragen quasi keinerlei Gedanken.

Dabei gibt es doch hierbei sicherlich mindestens ebenso interessante Gesichtspunkte zu betrachten. Das dachten sich wohl auch Mella und Susanne und brachten das Thema Männer und Fußball postwendend auf die Agenda der 6. Woche für das Projekt EM-Abseits.

Der Grund, warum manche Männer Fußball nicht mögen, dürfte sich zum Großteil der Fälle wohl schlicht und ergreifend auf mangelndes Interesse daran reduzieren lassen – was ja auch völlig in Ordnung ist. Viel spannender finde ich allerdings die Frage, warum die meisten Männer eben doch ein Interesse an diesem Sport haben.

Die Antwort darauf erscheint mir recht vielschichtig zu sein. Im Grunde genommen läuft es jedoch in erster Linie darauf hinaus, dass der Fußball in seinen zahlreichen Facetten erfolgreich die „primitiven Instinkte“ der Männer anspricht. Im Stadion darf man einfach noch Mann sein.

Einfaches Spiel mit simplen Regeln

Da hätten wir zunächst das Fußballspiel an sich. Auch wenn es auf dem Platz im Laufe der Jahre immer taktischer geworden ist, ist das zugrunde liegende Spielprinzip relativ leicht zu verstehen. Zwei Teams versuchen, den Ball möglichst oft in das gegnerische Tor zu bringen. Das ist so einfach umzusetzen, dass viele Kinder damit schon in ihrer Kindheit, z.B. auf dem Schulhof, selbst mit anfangen.

Ein Spielfeld ist schnell „abgesteckt“ und viel mehr als einen Ball oder etwas ähnliches benötigt man nicht. Hierin liegt der Unterschied zu anderen populären Sportarten. Ein Baskettballspiel ist ohne hoch hängende Körbe nur schwer vorstellbar und kann auch nicht mit einer Dose als Ball-Ersatz gespielt werden. Für ein Eishockeyspiel friert es auf deutschen Schulhöfen zu selten und Motorsport kommt im Schulalter meist doch noch etwas zu früh.

Zudem sind die Regeln im Fußball so einfach, dass jeder sie in kürzester Zeit verstanden hat… vielleicht abgesehen vom Abseits. Man muss sich beispielsweise keine Gedanken um Schrittfehler machen oder darauf achten, dass man den Ball erst hinter einer bestimmten Linie aufs Tor schießen darf.

Die einfachen Regeln und der geringe Aufwand für eine Umsetzung sorgt dafür, dass wir schon früh mit dem Fußball als ständigem Begleiter aufwachsen und entsprechende Sympathien entwickeln.

Atmosphäre im Stadion

Hinzu kommt diese ganz eigene Dynamik und Stimmung in einem Fußballstadion. Zwar gibt es auch dort „dank“ VIP-Lounges und beheizten Tribünen mehr und mehr „Event-Fans“, die im Anzug Stadien unsicher machen und meist dadurch auffallen, den Hintern bei der La Ola Welle nicht hochzubekommen, sowie beim kleinsten Misserfolg der Mannschaft den Rücken zu kehren. Solche „Fans“ sind jedoch bei „echten Fans“ verpönt. Diese lieben das Ursprüngliche, sind auf das Wesentliche reduziert. Sie stehen zur Not auch mitten im Regen mit ihrem Fan-Shirt auf einem nicht überdachten Stehplatz, in der einen Hand die Bratwurst, in der anderen der Bierbecher. Ohne Anzug, einfach mit Trikot und Schal.

Fußballspieler als moderne Gladiatoren

Dieses Ursprüngliche, „Rauhe“, zeigt sich auch bei den Fußballspielern. Sie sind die modernen Gladiatoren unserer Zeit. Zwar kämpfen sie nicht mehr gegen Tiger und auch nicht um ihr Leben. Aber auf dem Platz wird dennoch gekämpft, mit allen erlaubten und manchmal unerlaubten Mitteln. Nicht umsonst heißen Stadien inzwischen oftmals wieder „Arena“, nicht umsonst werden beim „Einmarsch“ der Glatiatoren Spieler Hymnen gespielt, zu denen die Zuschauer frenetisch feiern.

Gruppenzugehörigkeit

Somit dürfen Männer im Stadion einfach mal viele der neuzeitlichen Sitten „draußen“ lassen. Man steht nicht als angepasster Einzelkämpfer da, sondern darf grölen, auch mal den Gegner anpöbeln, Schadenfreude offen zeigen. Und er ist damit nicht allein, denn in „seiner“ Kurve stehen Gleichgesinnte, die mit ihm leiden, mit ihm feiern, die gleichen Ansichten vertreten. Man(n) ist Teil einer Gruppe. Einer Gruppe, die relativ unorganisiert ist, die nicht durchstrukturiert ist, in der es keine Hierarchien wie im Alltag gibt. In der Fankurve ist noch jeder Mann gleich, unabhängig von seinem sonstigen Lebensstil.

Gefühle

Wo sonst, wenn nicht im Fußballstadion sieht man Männer offen weinen oder sich jubelnd in den Armen liegen? Auf der Straße würde man verwundert gucken, im Stadion ist es völlig normal. Sogar unter Leuten, die man gar nicht kennt. Muss man aber auch nicht, weil man ja alles über den anderen weiß, was in diesem Moment wichtig ist: er ist einer von „uns“. Und so werden unbekümmert Freud‘ und Leid geteilt.

Fazit

Natürlich spielt sicherlich auch das Interesse für den Sport an sich eine Rolle, die Begeisterung für technisch versierte Spieler oder aufopferungsvolle Kämpfer, für dramatische Spiele usw. Doch ausschlaggebend dürfte sein, dass Männern beim Fußball ein „Drumherum“ geboten wird, in dem sie sich in einer Weise ausleben können, wie es im Alltag aufgrund von gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Ansichten und Werten nicht mehr folgenlos möglich wäre. Während der magischen 90 Minuten ist er Teil einer großen Gruppe, hat etwas, mit dem er sich identifizieren kann, zu dem er stehen kann. Außerdem hat er einen Ort, wo er seine Gefühle ausleben kann, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wie andere dabei über ihn denken. Ein Ort, wo er im übertragenen Sinne an einer martialischen Schlacht teilnimmt, wo er „seine“ Glatiatoren unterstützt, mit ihnen fiebert, mit ihnen gewinnt oder mit ihnen verliert.

Nun mögen das vorrangig primitive Instinkte sein, an die der Fußball beim Mann appelliert. Aber warum auch nicht? Gerade das macht ja den Erfolg eines Produkts oftmals aus: es sollte möglichst einfach sein und Instinkte ansprechen. Mir als Mann macht es nichts aus, im Gegenteil: ich finde es schön, wenn die komplexe Welt für 90 Minuten mal ganz simpel wird 😉

Foto: Ibefisch / pixelio.de

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