Die Arschkarte ziehen – ein rätselhafter Mythos

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em-abseits_11Die Bedeutung von Redewendungen ist meist leicht verständlich. Schwieriger wird es manchmal, wenn es um die genaue Herkunft bzw. Entstehung der Redensart geht. Eine solche Redewendung ist zweifellos auch „Die Arschkarte ziehen“, deren Bedeutung zwar bekannt ist, deren Herkunft aber nicht so einfach zu klären ist, wie manchmal angenommen wird. Im Rahmen der Aktion EM-Abseits lautet das Thema für diese Woche Fußball und Papier – was läge da also näher, als sich diese Redensart einmal genauer anzusehen?

Denn tatsächlich wird die Arschkarte bzw. deren Herkunft gerne dem Fußball zugeschrieben. Es wird dann argumentiert, dass der Begriff „die Arschkarte ziehen“ daher kommt, dass die Schiedsrichter früher die gelben Karten in der Brusttasche, die roten hingegen in der Gesäßtasche aufbewahrten, damit die Zuschauer am TV-Gerät auf ihren damals noch Schwarz-Weiß-Fernsehern sofort erkennen konnten, ob der Schiedsrichter gerade eine gelbe oder rote Karte gezogen hatte. Griff er zur Brusttasche, war klar, dass es sich um eine gelbe Karte handelte, beim Griff zur Gesäßtasche, hatte er die „Arschkarte“ gezogen und der Spieler musste den Platz verlassen.

Klingt im ersten Moment als Erklärung durchaus plausibel, oder? Bei genauerer Betrachtung stellt man aber einige Ungereimtheiten fest, die die Richtigkeit dieses Erklärung in Zweifel ziehen können:

Zunächst haben wir da den eigentlichen Wortlaut der Redewendung. Normalerweise sagt man zu jemandem „Da hast du aber die Arschkarte gezogen“, wenn derjenige in irgendeiner Art und Weise besonders viel Pech gehabt hat. Er hat die Karte also nach dem Wortlaut der Redensart aktiv selbst gezogen. Im Fußball ist allerdings nicht derjenige, der die Karte zieht (der Schiedsrichter), sondern der, der sie gezeigt bekommt (der Spieler) die Person, die viel Pech hat und das Spielfeld verlassen muss.

Ferner zeigt ein Blick in die Geschichte des Fußballs, dass rote und gelbe Karten, die für uns heute wie selbstverständlich zum Fußball gehören, nicht seit Erfindung des Fußballs Bestandteil dieser Sportart sind, sondern erst vergleichsweise spät eingeführt wurden. So erfährt man bei Wikipedia über die Geschichte der roten Karte, dass diese erst zur WM 1970 eingeführt worden ist. Vorher wurden Spieler von den Schiedsrichtern immer nur mündlich verwarnt oder des Feldes verwiesen. Erst nachdem es bei der WM 1966 zu Verständigungsproblemen gekommen war und manche Spieler ihre Verwarnungen und Platzverweise nicht verstehen konnten oder wollten, entschied man sich, künftig mit den Karten nach Art des Ampel-Systems ein eindeutiges Medium einzuführen, welches kein Spieler missverstehen konnte.

Das Kartensystem im Fußball wurde also erst 1970 eingeführt. Das Farbfernsehen hingegen gab es bereits seit Mitte der 60er Jahre. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass das Farbfernsehen zwar schon einige Jahre existierte, sich aber noch nicht jeder ein solches neues, modernes Fernsehgerät gekauft hatte oder leisten konnte. In der Tat waren entsprechende Fernsehgeräte zur damaligen Zeit extrem teuer und wohl noch nicht Standard in allen Wohnzimmern – vor allem, wenn man davon ausgeht, dass Fußball ja nicht nur in Deutschland gespielt wurde, sondern überall auf der Welt, also auch dort, wo Farbfernsehen möglicherweise noch weniger verbreitet war als zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland selbst.

Allerdings gibt es da eine „Kleinigkeit“, die man auch bei Schwarz-Weiß-Fernsehen beachten sollte. Hier mal ein Bild einer gelben und roten Karte. Der obere Teil des Bildes ist „entfärbt“ worden, so dass man erkennen kann, wie die Karten ungefähr auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher aussehen:

Arschkarte-Etymolgie-Gegenbeispiel

Wie ihr seht, wird dort aus der gelben Karte eine hellgraue, fast weiße Karte, wohingegen sich die rote Karte so dunkel färbt, dass sie fast schwarz wirkt. Eine Unterscheidung zwischen gelber und roter Karte funktioniert also auch ohne irgendwelche Hilfsmittel auf Schwarz-Weiß-Geräten.

Natürlich kann man nun einwenden, dass die Kameras damals immer recht weit vom Geschehen entfernt waren und man kaum Nahaufnahmen gezeigt bekam; allerdings hatte ich beim Betrachten alter Fußballaufnahmen in Schwarz-Weiß selbst bei der damals typischen Kamera-Entfernung nie Probleme, die Farbe einer Karte erkennen zu können. In unübersichtlichen Situationen (ja, auch damals gab es schon hin und wieder „Rudel-Bildungen“) half zur Not immer noch der Kommentator, der einem verriet, ob der Spieler nun eine gelbe oder rote Karte gesehen hatte… oder man wartete einfach kurz, ob der Spieler auf dem Platz blieb (gelbe Karte) oder frustriert vom Platz rannte (rote Karte).

Woher die Arschkarten-Redewendung nun letztlich stammt, kann ich leider auch nicht sagen. Eine Herkunft aus dem Fußball scheint jedoch aus den oben genannten Punkten nicht so selbstverständlich, wie manchmal gerne vermutet wird.

Artikelbild: —
Karten: Wikimedia.org

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