Von Gewohnheit, Verlust und besonderen Momenten im Leben

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KreuzOftmals weiß man Personen oder auch Dinge erst richtig zu schätzen, wenn man sie nicht mehr hat. Weil man sich dann erst bewusst macht, welchen Stellenwert sie im alltäglichen Leben für einen eingenommen haben. Weil sie im angesprochenen Alltag jedoch zu selbstverständlich geworden waren. Eben weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist, sich schnell an alles und jeden gewöhnt und Personen oder Dinge dann als selbstverständlich wahrnimmt.

Aus dieser eingeschränkten, durch die Selbstverständlichkeit verklärten Wahrnehmung bricht man nur selten aus. Meist nur dann, wenn eine geliebte Person gestorben ist, einen Unfall hatte oder zumindest nur knapp dem Tod oder einem Unfall entkommen ist. Bei Dingen ist es entsprechend, wenn sie kaputt gegangen sind. Nur haben Dinge den Vorteil, dass sie sich -genügend Geld vorausgesetzt- meist ersetzen lassen, wohingegen ein Mensch sich nicht einfach so ersetzen lässt. Eine weitere Möglichkeit, um aus dem „Trott der Selbstverständlichkeit“ auszubrechen sind ab und an gewisse Feiertage. Für wen beispielsweise Weihnachten nicht nur eine Zeit des unbändigen Konsums darstellt, sondern tatsächlich eine Zeit zur Besinnung, der besinnt sich vielleicht auch in sentimentaler Weise mal auf sein Umfeld, die Personen um einen herum und deren Bedeutung für das eigene Leben.

Noch gut kann ich mich daran erinnern, wie unser damaliger Familienkater damals sehr krank wurde. Er muss zu dem Zeitpunkt ungefähr 15 Jahre unser Kater gewesen sein, genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Natürlich war er uns in der Zeit sehr ans Herz gewachsen, war ein Teil der Familie geworden, der einen stets freudig begrüßte, wenn man nach hause kam. Und dennoch hatte man sich im Laufe der Zeit daran „gewöhnt“. Man freute sich zwar darüber, aber irgendwie war es auch „selbstverständlich“ geworden. Dann wurde er krank. Wir gingen alle davon aus, dass die Fahrt zum Tierarzt seine letzte Reise sein könnte. Umso glücklicher waren wir, als er letztlich doch geheilt werden konnte.

Dieser beinahe Verlust machte mir damals erst wieder richtig deutlich, welchen Stellenwert unser Kater in meinem Leben eingenommen hatte. Die nächsten Wochen konzentrierte ich mich wieder viel mehr auf ihn, weil mir bewusst geworden war, wie wichtig er mir war. Ich wollte ihn bewusster in meinem Leben wahrnehmen, ihn nicht mehr als selbstverständlich betrachten. Doch das menschliche Bewusstsein lässt sich scheinbar nicht so einfach diktieren, wie es zu funktionieren hat. So, wie die Wochen und Monate vergingen, trat auch wieder die alltägliche Routine mehr und mehr in mein Leben – auch gegenüber meinem Kater. Er wurde wieder selbstverständlicher für mich.

Nur ab und zu, wenn ich mich in einer ruhigen Minute wieder an die traurige Zeit erinnerte, als sein Leben auf der Kippe stand, wurde mir wieder bewusst, dass er und seine Anwesenheit in meinem Leben und meinem Herzen eben keine Selbstverständlichkeit war. In diesen Momenten habe ich dieses Bewusstsein ausgekostet, seine Anwesenheit bewusst genossen. Die Uhr des Lebens stand kurz still. Es waren besondere, intensive Momente.

Unser Kater lebte noch viele Jahre. Er starb, als ich schon nicht mehr zu hause wohnte. Aus den Erlebnissen habe ich gelernt, dass es nicht möglich ist, jeden Augenblick zu einem besonderen Moment zu machen. Wäre jeder Augenblick ein besonderer, würde man sich daran gewöhnen, er wäre also selbstverständlich und gerade nichts besonderes mehr. Es gibt das Sprichwort „Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre“. Viele geben dies als ihr Lebensmotto an, auch wenn ich überzeugt bin, dass nur die wenigsten davon wirklich nach diesem Motto leben.

Ich selbst lebe nicht jeden Tag, als ob es mein letzter wäre. Ich genieße nicht jeden Tag oder gar jeden Augenblick im Leben – das kann ich gar nicht. Dafür schleicht sich viel zu oft die Routine ein. Aber ich nehme mir die Zeit für bewusste „Auszeiten“ von der alltäglichen Routine. Diese sind dann auch wirklich etwas Besonderes, was ich genießen kann, weil es eben kein alltäglicher Zustand ist, an den man sich gewöhnt.

Wie handhabt ihr das? Könnt ihr tatsächlich jeden Tag voll auskosten? Oder schleicht sich bei euch auch die Routine ein? Wie wirkt ihr dem entgegen? Brecht ihr ab und an aus dieser Routine aus? Seid ihr darin gefangen? Oder habt ihr euch damit arrangiert?

Foto: Andreas Mäsing / pixelio.de

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