Das ach so reale TV-Programm

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Noch gut kann ich mich an die Zeit erinnern, als ich jung war und plötzlich eine Serie bei RTL antrat, um die Lindenstraße das Fürchten zu lehren. Die Serie hörte auf den Namen „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und ist manchen heutzutage eher bekannt unter der Abkürzung GZSZ. Irgendwie ist es inzwischen zur Mode geworden, Namen von Sendungen abzukürzen. Teilweise wird dieser Trend sogar von den Sendern bei der Namensgebung berücksichtigt. So sollte die Telenovela „Verliebt in Berlin“ ursprünglich auch mal „Alles nur aus Liebe“ heißen, da man aber Sorge vor der Abkürzung ANAL hatte, dachte man sich den anderen Titel aus.

Doch zurück zum Thema: was ich bei GZSZ (ich nutze jetzt mal die Abkürzungen, um „in“ zu sein) am interessantesten fand, waren die Argumente mancher Zuschauer, warum sie die Serie so toll fanden und finden. Da konnte man immer wieder das Argument hören, die Serie sei so toll, weil sie so authentisch sei und man dort das wahre Leben präsentiert bekäme.

Bitte was?!? Das wahre Leben? Aber natürlich, man erlebt es ja tagtäglich, dass ein paar jugendliche Rebellen nach Streit mit den Eltern zu Hause ausziehen und gemeinsam eine WG gründen, um danach in einem Loft einer x-beliebigen Großstadt, gerne Köln oder Berlin, zu wohnen und die Miete von der stundenweisen Tätigkeit in einem Szene-Cafe oder einer Mode-Agentur zu bestreiten. Mindestens ein WG-Bewohner wird im Laufe der Zeit drogenabhängig, der andere macht Karriere und übernimmt mit 19 Jahren einen Welt-Konzern, während der Dritte beim Urlaub in Australien verschollen geht. Einige Bekannte werden von Serienmördern getötet, während andere an Krebs und ähnlichen Krankheiten zugrunde gehen oder nur durch die Macht der Liebe davon geheilt werden. Ach ja, währenddessen macht jeder mit so ziemlich jedem anderen rum. Das typische Leben halt, wie wir es alle tagtäglich selbst erleben.

Zugegeben, die Fans, die diese Authentizität als Argument brachten, waren glücklicherweise eher die Ausnahme, aber es gab sie. Der Großteil hingegen wusste immerhin zu unterscheiden, dass es sich lediglich um eine Unterhaltungssendung nach Drehbuch mit gewollter Dramaturgie durch die Schauspieler handelte und nicht um die Abbildung des tatsächlichen Lebens. Heutzutage ist das für manche nicht mehr so einfach zu erkennen.

Das fing mit den Dokumentationen an. Ein Kamerateam begleitete Ordnungshüter auf ihren Streifengängen, um den vermeintlichen Alltag dieser Menschen zu dokumentieren. Teilweise stimmt das auch, allerdings wurden die Serien natürlich zugespitzt und pointiert geschnitten. Teilweise wurden Szenen auch nachträglich nachgestellt. Der Erfolg gab den Produzenten Recht, zumal diese Formate relativ günstig ohne großen Aufwand zu drehen waren.

Allerdings fehlte den Zuschauern auf Dauer die Action und Dramatik. Also wandelte man das Konzept der Dokumentationen leicht ab und „erfand“ Doku-Soaps, also Serien mit Laien-Darstellern, die nach Drehbuch vermeintlich spontane Szenen in einer Pseudo-Dokumentation nachspielten. Das Ergebnis gipfelt derzeit in Sendungen wie „X-Diaries“ oder „Berlin – Tag & Nacht“, die äußerlich wie eine billige Dokumentation aussehen, tatsächlich aber billige Soaps nach Drehbuch darstellen. Wer es nicht weiß, geht hingegen davon aus, dass das dort das „wahre Leben“ sei. Das einzig Gute an Sendungen wie „Berlin – Tag & Nacht“ dürfte wohl sein, dass sie so billig und dennoch quotenstark sind, dass man sich beim Kultur-Sender RTL II nun angeblich Gedanken macht, ob man überhaupt noch weitere Staffeln von Big Brother senden soll oder nicht voll auf das neue Billig-Format setzt. Immerhin ist die Produktion günstiger und nebenher hat man noch die Sicherheit, dass etwas passiert… nicht wie bei Big Brother, wo man Leuten zusehen kann, wie diese sich langweilen.

Doch wo soll die Steigerung noch hinführen? Anfangs waren es Soaps wie GZSZ, bei denen man als Zuschauer mit Menschenverstand noch leicht wusste, dass das nicht das wahre Leben war. Bei den Doku-Soaps ist es nun schon ein wenig schwieriger zu erkennen, da die Schauspielerei dort zwar nicht geleugnet, aber eben auch nicht ausdrücklich genannt wird. Es verdichteten sich neulich ja dann auch die Hinweise, dass bei Sendungen wie Bauer sucht Frau mehr gestellt ist, als man nach außen hin den Zuschauer glauben machen will. Lustig ist vor dem Hintergrund vor allem, dass ausgerechnet die BILD-Zeitung diesen „Skandal“ aufdecken wollte, die ja eigentlich regelmäßig von RTL und dessen Sendungen profitiert, da diese Sendungen genügend Material liefern, über das man aufgeregt berichten kann.

Also, quo vadis? Wohin wird der Weg führen? Kommen demnächst Nachrichten nach Drehbuch, in denen erfundene Meldungen eingestreut werden, um die Dramaturgie zu steigern? Oder sieht hier jemand einen Strohhalm, einen Funken Hoffnung, dass sich die Lage wieder bessern wird, weil die Zuschauer dieser Formate irgendwann überdrüssig werden?


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