Wie die „Welt“ mit kleinem Rechentrick eine ganze Aussage auf den Kopf stellt

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Vor ein paar Tagen erschien auf der Online-Plattform der „Welt“ unter der Überschrift „Tierfutter: Deutsche servieren Haustieren den letzten Fraß“ ein Artikel, in welchem man sich kritisch mit der Qualität von Tierfutter und den ganzen Nahrungszusätzen, die dem Futter inzwischen von der Industrie beigemischt werden, auseinandersetzte. Eigentlich hätte das von der Thematik her ein spannender Artikel mit interessanten Denkanstößen werden können.

Doch bereits der erste Satz ließ mich stark an der Qualität des Artikels zweifeln, begann der Artikel doch mit den Worten „Die Deutschen geben dreimal mehr für Haustierfutter aus als für Babynahrung.“ Im vierten Absatz wird dieser Bereich noch einmal aufgegriffen: „Niemand ernährt seine Haustiere so teuer wie die Deutschen. Etwa 2,6 Milliarden Euro gaben sie 2010 für Tierfutter aus, dreimal so viel wie für Babynahrung.“

Die Botschaft, die mit diesen Worten vermittelt werden soll, liegt auf der Hand: Man möchte aufzeigen, wie wichtig und wertvoll den Deutschen ihre Haustiere sind. Hierzu möchte man suggerieren, dass die Deutschen sogar mehr Geld für ihre Tiere als für ihre eigenen Kinder ausgeben. Als Beweis hierfür werden Zahlen präsentiert, die aufzeigen, dass im Jahr 2010 für Tierfutter dreimal so viel Geld von den Deutschen ausgegeben wurde, wie für Babynahrung.

Das Problem an dieser Argumentation ist nur, dass hier von der Welt Äpfel mit Birnen verglichen werden, da hier einfach absolute Werte gegenübergestellt wurden. Denn dass im vergangenen Jahr deutlich mehr Geld für Tierfutter als für Babynahrung ausgegeben wurde, könnte natürlich auch damit zusammenhängen, dass es im vergangenen Jahr in Deutschland deutlich mehr Haustiere als Kleinkinder gab!

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, ein wenig zu recherchieren – Zeitaufwand: keine 5 Minuten, also auch für einen „Qualitätsjournalisten“ durchaus machbar, wenn der tatsächliche Wille vorhanden ist. Laut „Industrieverband Heimtierbedarf e.V.“ gab es im Jahr 2010 in Deutschland insgesamt 22,3 Mio. Haustiere. Die Zahl dürfte angesichts der Tatsache, dass die dort angegebenen Zahlen für die Ausgaben für Fertignahrung annähernd mit denen der „Welt“ übereinstimmen, richtig sein.

Haustiere 2010

(Quelle mit weiteren Informationen: ivh-online.de)

Bei der Anzahl der Kleinkinder, welche im Jahr 2010 Babynahrung konsumiert haben, stellt es sich schwieriger dar, belastbare, verlässliche Zahlen zu finden. Wie viele Babys gab es 2010 in Deutschland? Und essen nicht auch manche Kinder außerhalb des „Babyalters“ noch -wenigstens ab und zu- Babynahrung? Laut statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2010 insg. 677.945 Lebendgeburten. Die Zahl allein kann man natürlich nicht nehmen. Zum einen gibt es auch noch die Babys, die im Ausland geboren wurden und erst (kurz) nach der Geburt nach Deutschland gekommen sind; zum anderen konsumieren nicht nur Neugeborene Babynahrung, sondern auch noch Kinder im fortgeschrittenen Alter, auch wenn die Zahl der Babynahrungskonsumenten dann gewöhnlich mit steigendem Alter immer stärker abnimmt.

Um all diese Möglichkeiten ganz sicher abzudecken, nehmen wir einfach die Summe der Lebendgeburten von 2006 bis 2010. Danach ergibt sich eine Zahl von knapp 3,4 Mio. Kindern, die mutmaßlich Babynahrung konsumieren. Da längst nicht mehr jeder 5-Jährige Babynahrung konsumiert, dürfte die tatsächliche Zahl deutlich darunter liegen.

Lebendgeborene 2010

(Quelle: Statistisches Bundesamt)

Doch obwohl wir absichtlich so großzügig schätzen ergibt sich als Verhältnis von Haustieren zu Kindern ein Verhältnis von 22,3 Mio. Haustieren zu 2,4 Mio. Kindern. Man muss wahrlich kein großes Genie sein, um zu erkennen, dass die Anzahl der Tiere demnach mehr als 9-fach so groß ist wie die Zahl der Kinder, die Babynahrung konsumieren. Vor diesem Hintergrund sieht der Umstand, dass die Deutschen dreimal so viel Geld für Tiernahrung ausgeben schon ganz anders aus, oder?

Aber natürlich hätte die Aussage im Artikel der „Welt“ nicht die gleiche Wirkung entfaltet, wenn man diesen Umstand nicht verheimlicht hätte. Auf ein einzelnes Tier und ein einzelnes Baby heruntergerechnet -und nur diese Zahlen lassen sich letztlich wirklich vergleichen- hieße dies nämlich, dass die Deutschen für Babynahrung mehr als das Dreifache im Vergleich zu Tiernahrung ausgegeben haben. Die Aussage der „Welt“ würde in dem Fall somit in das völlige Gegenteil verkehrt werden.

Wieder einmal ein passendes Beispiel dafür, dass in den Medien zwar nicht gelogen wird (die Zahlen der Welt stimmen ja), manche Aussagen aber durch kleinere Tricks so zurecht gebogen werden, dass sie im Text die vom Autor gewünschte Wirkung entfalten. Wir können als Leser nur daraus lernen, dass wir uns nicht blind auf Angaben in den Medien verlassen dürfen, sondern stets unser Hirn einschalten sollten und Artikel zunächst kritisch hinterfragen müssen. Das mag zwar lästig erscheinen, ist jedoch -wie dargestellt- notwendig, wenn man nicht die falschen Schlüsse aus Artikeln ziehen will.

Gerade bei Zahlen lässt sich ja immer hervorragend durch kleinere Rechentricks herumspielen. Habt ihr auch schon mal Aussagen in Zeitungen -oder auch Onlinezeitungen- gelesen, bei denen ihr nach genauerem Nachdenken herausgefunden habt, dass da etwas nicht stimmen konnte? Lest ihr generell kritisch und seid gegenüber den Medien vorsichtig? Oder haltet ihr Vorkommnisse wie das gerade dargestellte für unrühmliche Ausnahmen und vertraut insgesamt „eurer“ Zeitung?


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