Rentner gegen ICE – Wenn das Hobby “Bahn” zur Gefahr wird
Früher war ich häufig mit dem Zug unterwegs. Dabei erlebt man so manch lustige Situation, wie beispielsweise damals die Ticketkontrolle in der Bahn. Außerdem lernt man in Zügen eine Menge unterschiedlichster Menschen kennen, seien es nun eigenwillige Fahrgäste, interessante Zugbegleiter, grimmige Kontrolleure privater Sicherheitsunternehmen oder so manchen Zugführer mit Humor, der jede Durchsage zu einem Erlebnis macht.
Eine weiterer Menschenschlag, der irgendwie zu Zügen gehört und gerade in größeren Bahnhöfen fast immer anzutreffen ist, sind die eingefleischten Zug-Fans. Also jene Menschen, denen es nicht reicht, ihre Modell-Eisenbahn daheim zu haben, welche durch die halbe Wohnung fährt. Jene Menschen, die einen Zug nicht nur am Computer, im Buch oder als Modell erleben wollen, sondern diese live und in Farbe sehen müssen. Die Menschen, welche die technischen Details, die Blaupausen und den Querschnitt besser kennen als jeder Ingenieur der Bahn. Diejenigen Menschen, die die Fahrpläne ihrer Lieblingszüge besser auswendig können als jeder tüchtige Zugbegleiter. Diejenigen Menschen, welche die Durchschnittsgeschwindigkeit und den mittleren Bremsweg der Züge besser kennen als die Zugführer. Oder kurz gesagt:
Jene merkwürdigen Menschen, die man regelmäßig mit Foto- und Videokameras bewaffnet an den Enden der Bahnsteige beobachten kann, wo sie den lieben langen Tag bei Wind und Wetter damit verbringen, die ein- und ausfahrenden Züge zu filmen und zu fotografieren, um sich diese “spektakulären Ereignisse” dann auch daheim immer wieder und wieder anschauen zu können. Wie unschwer an meinen Worten zu erkennen sein dürfte, werde ich aus diesem Menschenschlag nicht so recht schlau. Ehrlich gesagt wundert es mich sogar, dass scheinbar noch niemand auf die Idee gekommen ist, denen das Leben schwer zu machen. Alles und jeder wird immer stärker kontrolliert, aber Leute, die den gesamten Zugverkehr auf Video festhalten und Züge bis ins kleinste Details fotografieren, die geraten bislang nicht unter Terror-Verdacht.
Wie dem auch sei, obwohl ich diese Begeisterung für mich persönlich nicht so ganz nachvollziehen kann, gönne ich den Leuten natürlich ihren Spaß. Manche campen nachts vor Bibliotheken, um den nächsten Harry-Potter- oder Twilight-Roman als einer der Ersten in den Händen halten zu können, andere nehmen sich Urlaub, um beim nächsten WoW-Addon ihren Charakter möglichst schnell auf den neuen Maximal-Level zu bekommen, andere geben viel Geld dafür aus, um 22 Männern zuzusehen, wie diese sich um einen Lederball streiten – und die Zugfans verbringen ihre Zeit halt auf den Bahnhöfen, um “ihre” Züge zu beobachten.
Wo es mit meinem Verständnis jedoch aufhört, ist bei der 81-jährigen Hobby-Fotografin. Nicht wegen ihres Alters, sondern aufgrund ihres Verhaltens. Die Dame wollte laut Sächsische Zeitung nämlich ein paar besonders schöne Bilder von herannahenden Zügen schießen und hatte sich zu diesem Zweck nicht auf einem Bahnsteig postieren wollen, sondern sich auf der Schnellbahntrasse Nürnberg-Berlin mitten auf die Gleise gestellt! Das wurde spätestens dann lebensgefährlich, als ein ICE mit entsprechendem Tempo herannahte. Die Dame hatte mehr Glück als Verstand, denn der Zugführer des ICE war sehr aufmerksam, weswegen er die Dame rechtzeitig sah und den Bremsvorgang einleitete. Der Zug kam so gerade noch vor der Rentnerin zum stehen.
Wie man sich vorstellen kann, wollte der Zugführer die Rentnerin natürlich auf den Vorfall ansprechen. Wer jedoch nun erwartet, dass sich die Frau entweder total verängstigt zeigte oder im Gegenteil -wie man das von Rentnern auch oft kennt- plötzlich anfing, wie ein Rohrspatz mit dem Zugführer zu schimpfen, da Angriff ja oft die beste Verteidigung ist, der irrt sich. Stattdessen sagte die Frau gar nichts, ignorierte den Zugführer einfach, stieg in ihr Auto und fuhr dreist davon. Sie konnte jedoch nachträglich ermittelt werden und kann sich nun möglicherweise auf ein Strafverfahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Zugverkehr freuen.
Was haltet ihr denn von den “normalen” Zug-Fans an den Bahnhöfen? Sind die euch auch schon mal aufgefallen? Oder gehört ihr vielleicht sogar dazu? Welche Hobbies habt ihr, bei denen andere Menschen möglicherweise manchmal mit dem Kopf schütteln könnten?
Foto: Dieter Schütz / pixelio.de
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bisherige Kommentare: 26
Ich bin befangen, ich darf mich hier eigentlich gar nicht wirklich äußern. Und trotzdem…..
Das Verhalten der Omi ist natürlich nicht zu tolerieren, sowas geht gar nicht. Mal ganz abgesehen davon, was hätte passieren können wenn der Lokführer die Dame erst 5 Sekunden später entdeckt hätte. Hierbei ist natürlich auch nicht unbedingt und zwangsläufig vom Normalfall auszugehen. Ganz “normale” Fahrgäste beeinträchtigen bzw. gefährden den Bahnverkehr ebenfalls und unter dem Strich auch erheblich öfter.
Mir war auch schon immer die “echte Bahn” lieber als die H0-Spur unter dem Wohnzimmertisch und Fotos von Lokomotiven bzw. ganzen Zügen habe ich auch schon mehr gemacht als Du vielleicht vermuten würdest. Diverse Mitfahrten im Führerstand eingeschlossen. Das war zwar noch nie wirklich erlaubt, aber wo kein Kläger da kein Richter. Und “verständnisvolle” Lokführer gab es auch schon früher
Heute hat sich das Hobby ein wenig gelegt – nicht ganz aber ein wenig eben. Unweit des Hamburger Flughafens wohnend… Du ahnst wahrscheinlich was kommt…! Genau, auch Flugzeuge haben etwas besonderes. Und auch hier gibt es die sogenannten Spotter zuhauf.
Jedem eben das seine – auch Schiffe haben das gewisse Etwas an sich. Hobbies müssen andere nicht verstehen können, das verlangt niemand. Ich selbst verstehe auch nicht wie man Geld dafür ausgeben kann mit dem Lift den Berg hochzufahren um dann auf Brettern wieder ins Tal zu rauschen. Oder noch schlimmer – Ü-Ei-Figuren zu sammeln.
Bekomm ich jetzt Hausverbot bei Dir?
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Also ich sehe da eigentlich nur ein Fehlverhalten des Zugführers. Der hätte niemals auf die “Bremse” treten dürfen. Man stelle sich nur vor, da fällt einer um im Zug und verletzt sich. Hat er auch noch eine Klage am Hals! Ich meine, wer sich zum Fotografieren auf die Bahntrasse stellt darf sich nicht wundern wenn er von einem Zug überfahren wird, oder?
bisherige Kommentare: 46
Oh, Züge fotografieren. Jeps, das mache ich als auch
Trotzdem aber immer mit der nötigen Vorsicht. So nahe wie die Dame muß man nun wirklich nicht an den Zug ran. Wozu gibt es schließlich Teleobjektive? Irgendwo habe ich mal gelesen, daß ein Zug auch einen Bogen fahren kann. Richtig positioniert kriegt man so auch die Frontalansichten eines fahrenden Zuges. Und das alles sogar ohne den Zugverkehr zu gefährden. Man muß halt nur etwas suchen, bis man so eine Stelle findet. Das ist eben manchmal zuviel verlangt
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@Thomas
Wie ich ja bereits im Text schrieb, gönne ich jedem seine Hobbies, solange dadurch niemand anderes unnötig gefährdet wird. Ü-Ei-Figuren habe ich als Kind übrigens gerne gesammelt, hatte mehrere Setzkästen (und Schubladen^^) voll damit
Keine Sorge, du bist trotzdem noch jederzeit gerne hier gesehen
Aber mal was anderes: jetzt, wo du eher Fan von Flugzeugen bist, hast du auch schonmal versucht, in ein Cockpit zu kommen? Flugkapitäne sollen da -verständlicherweise- noch pingeliger sein als Zugführer.
@vanilleblau
Und die Rentenkassen hätte der Zugführer so auch noch wirksam entlastet *böse*
@Broken Spirits
Wobei, so wie sie sich da letztlich aufgeführt hat, wäre das mit der Zeit ja fast auch kein Problem mehr für sie gewesen
Die Dame war ja schon betagter… vielleicht hatte sie Angst, dass ihr die Zeit davon läuft, bis sie einen geeigneten Platz gefunden hätte
bisherige Kommentare: 26
@Sascha: Gefährdung geht gar nicht – das ist eh klar!
In ein Cockpit zu kommen… hui… Du kommst ja gleich mit dem Vollprogramm daher
. Ne, da drinne war ich noch nie gewesen. Das ginge ja wiederum nur bei einem Flug als solches – auf dem Flugfeld bin ich ja nicht unterwegs. Die Pingeligkeit kommt dann noch dazu. Das sind also zwei Register die man hier zieht… das macht es nicht einfacher.
Wenn das jemals der Fall wäre, dann kannst Du von einem ausführlichen Beitrag ausgehen
.
bisherige Kommentare: 25
Wenn den Leuten ihr Hobby Spass macht und solange sie niemanden damit behindern oder gefährden, warum nicht ? Soll ja auch Leute geben die sich morgens um 4 Uhr (wenn sich andere Menschen im Bett nochmal auf die andere Seite umdrehen) auf die Lauer legen um dem Gesang eines bestimmten Vogels zu lauschen.
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@Thomas
Immerhin gibt es ja auch schon sehr detaillierte und realistische Cockpit-Simulatoren. Ich meine jetzt nicht nur die für den PC, sondern die echten. Vielleicht wäre das ja mal was für dich?
@Doc_Schmock
Da hast du Recht, solange man niemanden gefährdet, ist es mir auch egal. Bei Interesse für Vogelstimmen würde ich aber wahrscheinlich auch eher dazu neigen, mir die Stimmen im Internet anzuhören
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Wenn ich Zugführer wäre (Gott bewahre die Welt davor!), dann würde ich in solchen Momenten wahrscheinlich denken “Augen zu und durch”.
Die normalen Zug-Fans sind Fanatiker wie alle anderen Fans auch. Ich hatte am Bahnhof Cochem vor knapp 5 Jahren das Vergnügen, einen dieser komischen Vögel anzutreffen. Während der Unterhaltung habe ich mir geschworen, NIE WIEDER einen Menschen anzusprechen, der vorbeifahrende Züge fotografiert.
Ich wollte wissen, ob er das öfter macht – er meinte, es sei sein Leben und ich habe in seinen Augen gesehen, dass er es ernst meint. Gruselig.
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@Ramses
Naja, so hat halt jeder seine Hobbys. Ich könnte mich auch nie dafür begeistern. Andererseits kann meine bessere Hälfte auch oft nur mit dem Kopf schütteln, wenn ich das Geld mal wieder für irgendwelchen Technik-”Spielkram” ausgebe oder in die Blogosphäre eintauche
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@Sascha: Besser Hälften haben das irgendwie an sich
, doch meine lässt mich gewähren.
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Da ist natürlich was dran. Ich mache seit knapp 12 Jahren Yoga und werde immer noch schief angeguckt, wenn ich das erwähne oder die Menschen zu ein paar Asanas überreden möchte