Welche Frage im “Fall Guttenberg” merkwürdigerweise kaum gestellt wird

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GuttenbergMomentan kann man keine Zeitung aufschlagen, keinen Fernseh- oder Radiosender einschalten und keinen Blick in den FeedReader riskieren, ohne dass man an allen Ecken und Enden über die Plagiatsvorwürfe gegen Karl Theodor zu Guttenberg stolpert. Andere Themen werden derzeit scheinbar nur noch am Rande behandelt.

Überall wird eifrig diskutiert, ob man in einer wissenschaftlichen Doktorarbeit tatsächlich an so vielen Stellen ohne Vorsatz, sondern nur “aus Versehen” die Angabe von Zitat-Quellen “vergessen” kann, und ob er aufgrund dieser Vorfälle als Verteidigungsminister überhaupt noch tragbar ist oder zurücktreten müsste. Selbst die Frage, ob er die Dissertation überhaupt selbst verfasst oder vielleicht durch einen -dann scheinbar sehr schlechten- Ghostwriter hat schreiben lassen, ist derzeit Thema.

Es wundert mich allerdings ziemlich stark, dass bei der ganzen Berichterstattung in der Vielzahl an Medien eine Frage, die ich nicht für unwichtig halte, kaum gestellt wird:

Wie gesagt, über Karl Theodor zu Guttenberg selbst und seine selbstverständlich zentrale Rolle in dieser “Affäre” wird umfassend berichtet und seine Position von allen möglichen Seiten beleuchtet. Aber was ist eigentlich mit der Uni Bayreuth und ihrer Rolle bei den Plagiatsvorwürfen?

Klar, derzeit gibt man an, die Vorwürfe intensiv prüfen zu wollen und hat Karl Theodor zu Guttenberg zu einer Stellungnahme innerhalb von zwei Wochen aufgerufen. Aber was war in der Zeit, als die Doktorarbeit von zu Guttenberg bei der Universität Bayreuth eingereicht und bewertet wurde?

Auf GuttenPlag.de werden in einem Wiki alle derzeit bekannten Stellen der Dissertation aufgeführt, auf denen der Verfasser der Doktorarbeit Zitate ohne Quellenangaben verwendet haben soll. Demnach sollen nach aktuellem Stand auf über 60% der Seiten der Dissertation von Herrn von Guttenberg entsprechende Plagiate vorhanden sein. Auf über 60% der Seiten!

Da muss dann doch mal die unangenehme Frage erlaubt sein, welche “Fachleute” an der Uni Bayreuth die Dissertation damals nach der Einreichung durch Herrn zu Guttenberg gelesen, überprüft und bewertet haben? Natürlich können auch Fachleute nicht jeden Artikel zu einem speziellen Themenbereich kennen. Aber wir reden hier doch nicht von einigen wenigen kurzen Textstellen, die in die Doktorarbeit eingestreut wurden, ohne Quellenangaben zu nennen. Wir reden hier über eine Vielzahl solcher möglicher Stellen, die auf weit über der Hälfte der Seiten der Dissertation vorkommen sollen. Da müssten Experten an der Uni Bayreuth doch bei der Bewertung der Arbeit zumindest einige dieser Fundstellen negativ aufgefallen sein, oder? Stattdessen erhielt Guttenbergs Dissertation Bestnoten!

Da stellt man sich dann doch die Frage, ob die Arbeit seinerzeit nur gefällig “durchgewunken” wurde, oder ob die Fachleute, die seinerzeit die Dissertation bewerteten, vielleicht doch nicht so viel Ahnung vom Thema haben, wie man erwarten dürfen müsste? Welche der beiden Möglichkeiten schlimmer für die Uni Bayreuth wäre, darf sich gerne jeder selbst aussuchen, für besonders “schmeichelhaft” halte ich jedenfalls keine davon.

Von daher wundert es mich schon ein wenig, dass in der Berichterstattung dieser Aspekt des “Skandals” nicht mindestens ebenso kritisch beleuchtet wird. Hier wurde ja scheinbar nicht nur im großen Maßstab -bewusst oder unbewusst- “geschummelt”, sondern in ebenso großem Stil ließen sich “Fachleute” vorliegend auch “beschummeln”, ohne auch nur eine einzige der heute bekannten, zahlreichen Plagiats-Stellen zu erkennen und zu kritisieren.

Warum wird in dieser Richtung kaum berichtet? Oder bin ich nur blind und habe die entsprechenden Artikel bislang nicht gesehen? Bringt Universitäten-Schelte nicht die gleiche tolle Quote und Aufmerksamkeit wie Politiker-Schelte? Und darf das überhaupt ein Argument sein?

Foto: Alexander Hauk / pixelio.de

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