Wie uns die Medien ins Gesicht lügen – erfundene Kritik zu „Wetten, dass…“

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KioskWenn man über das TV-Programm lästern will, hilft oftmals ein Blick zu Marco & Jens von laester.tv, auf deren Seite das aktuelle Fernsehgeschehen in all seiner oft schonungslosen Grausamkeit mit ironischer Note dargestellt wird. Aber auch Zeitschriften leben immer wieder davon, Fernsehkritiken zu bestimmten Filmen und Sendungen zu schreiben. Soweit ist daran nichts verwerflich.

Hin und wieder kann man aber beim Lesen von so mancher Filmkritik oder Kritik zu einer Sendung nur mit dem Kopf schütteln und fragt sich manches mal, ob der Kritiker den Film oder die Sendung überhaupt gesehen hat. Natürlich hat er das, denn kein Journalist könnte es sich erlauben, sich beispielsweise eine komplette Filmkritik zu schreiben, ohne den Film vorher wenigstens ansatzweise gesehen zu haben… dachte ich bisher!

Doch was ich da jetzt -leider- wieder lesen musste, bewies mir das traurige Gegenteil. Der Vorgang klingt so unfassbar, dass auch ich ihn erst nicht glauben konnte, bis es von mehreren Seiten bestätigt und mit entsprechendem Bildmaterial belegt wurde.

Ich denke, alle haben inzwischen von dem Unfall bei der Sendung „Wetten, dass…“ am letzten Wochenende gehört, bei der ein 23jähriger Student und Stuntman bei seiner Wette, dem Überspringen von auf ihn zufahrenden Autos, mithilfe spezieller Sprungschuhe, schwer verunglückt ist. Die Sendung wurde daraufhin zum ersten Mal in ihrer fast 30jährigen Geschichte abgebrochen.

Wie gesagt, über den eigentlichen Vorfall will ich an dieser Stelle gar keine weiteren Worte verlieren, da das Thema sowohl in den Medien als auch zahlreichen Blogs bereits mehr als ausführlich diskutiert und aufbereitet wurde. Was allerdings nur in einigen wenigen Medien und Blogs am Rande gezeigt wurde, war das Cover der Tageszeitung „Österreich“:

Titelblatt Österreich

Soso, Robbie rockte also Gottschalks Show? Der Hauptartikel im Innenteil der Zeitung verrät noch mehr: im Kampf gegen die miesen Quoten habe Gottschalk „alle Register der Kunst“ gezogen. „Eine Premiere: Robbie trat in der Show zweimal auf, einmal solo, dann mit Band„. Auch über die sonstigen Gäste konnte man sich informieren. „Unser Oscar-Star Christoph Waltz […] nahm mit Cameron Diaz Platz, um dort mit Teenie-Idol Justin Bieber und der ewig jungen Cher zu plaudern.

Klingt nach einer kurzweiligen, unterhaltsamen Show. Blöd nur, dass das alles NIE passiert ist! Denn wie gesagt, die Sendung wurde nach dem Unfall abgebrochen. Zu dem Zeitpunkt saßen nur Model Sarah Nuru und Komödiant Otto auf der „Gottschalk-Couch“, da sich der Unfall nicht erst kurz vor Schluss der Sendung, sondern bereits recht weit zu Beginn eben jener Show ereignete.

Bei der Tageszeitung hat man den Fehler auch eingestanden, wies insoweit jedoch darauf hin, dass es sich hierbei „nur“ um 30.000 Exemplare handelte, die einen weiten Weg zu den Kunden in entfernteren Bergregionen zurückzulegen gehabt hätten und daher unter Zeitdruck entstanden wären. Die übrigen 90% der Auflage sind hingegen korrekt und korrigiert ausgeliefert worden und enthalten eine Darstellung der tatsächlichen Vorfälle.

Dennoch stellt sich natürlich die Frage, wie sehr man einem Medium Vertrauen schenken kann, welches sich Darstellungen über Fernsehsendungen komplett(!) aus den Fingern saugt? Man mag dem Autor des Textes dort zugute halten, dass er im Großen und Ganzen „nur“ die Gästeliste abgetippt bzw. in einen nichtssagenden Text eingebaut hat. Dennoch zielte der gesamte Text darauf ab, eine Doppelseite in der Tageszeitung zu füllen und den Eindruck zu erwecken, der Autor habe die Sendung gesehen und wolle den Lesern nun davon berichten sowie Zuschauern der Sendung seine Meinung von der Sendung kundtun. In meinen Augen ist das absolut unseriös.

Der Duden definiert den Begriff der Lüge als „bewusst falsche, auf Täuschung angelegte Aussage“. Vorliegend hat die Redaktion der Tageszeitung eine falsche Aussage getätigt, indem sie Dinge dargestellt hat, die so schlichtweg nicht passiert sind. Dies tat man auch in vollem Bewusstsein. Der Grund war, dem Leser insofern vortäuschen zu können, man habe die Sendung gesehen und wolle sie ihm nun noch einmal für ihn besprechen, Revue passieren lassen, kritisieren – was auch immer. Insofern wurde man dort als Leser einer entsprechenden Ausgabe nach Definition des Duden schlicht und ergreifend belogen!

Das Argument, man habe aus Zeitgründen keine Wahl gehabt, kann vorliegend nicht gelten. Ohne mich zum „Moralapostel“ aufschwingen zu wollen, was mir ganz und gar nicht zustünde, aber: wenn ich für so etwas aus logistischen oder sonstigen Gründen keine Zeit habe, dann kann ich den Artikel halt einfach nicht schreiben! So einfach ist das. Anscheinend ist es ja auch kein Problem, dass zwischen der Auflage für die Leute in entfernten Bergregionen und sonstigen Lesern unterschieden wird. Wo also bitte liegt da das Problem, in der „Bergregionen-Auflage“ die entsprechenden Seiten einfach wegzulassen und ein anderes Titelbild zu nutzen? Da hätte man an der Stelle vielleicht sogar eine tolle Doppelseite für Werbung. Oder man schreibt halt irgendeinen anderen Bericht. Das alles wäre doch tausendmal besser, als seinen Lesern offen ins Gesicht zu lügen. Zumal der Verdacht nahe liegt, dass ja sicherlich in der Vergangenheit öfter so verfahren wurde, oder gab es sonst nie diese logistischen Probleme?

Nun möchte ich jedoch nicht einfach den Finger in die Wunde der Österreicher legen, denn hier in Deutschland läuft es leider ähnlich. Wie Meedia berichtet, gab es bei der BamS eine vergleichbare Panne. Dort gab es ebenfalls eine Teilauflage für weiter entfernte Leser, die bereits auf Reisen war, bevor sich der Unfall ereignete und die Sendung abgebrochen wurde. Zwar war man bei der BamS so clever und bezog sich meist nur auf Proben und Vorberichterstattung, aber auch hier rutschten Floskeln heraus, wie z.B., dass die großen Promis wie Take That und Cameron Diaz „gestern Abend gut gelaunt auf Thomas Gottschalks Sofa Platz nahmen„, was definitiv nicht der Fall war.

Was sagt ihr dazu? Darf / soll man auch weiterhin über den Ablauf von Sendungen berichten dürfen, obwohl die Sendung noch nicht fertig oder noch gar nicht angelaufen ist, weil es anders aus Zeitdruck nicht machbar ist? Oder wäre es nicht sinnvoller, dann auf solche „Artikel“, die im besten Fall nur mit nichtssagenden Worthülsen gefüllt sind, gleich ganz zu verzichten?

Bild 1: Rainer Sturm / pixelio.de | Bild 2: Meedia.de


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