Wie das Sommerloch sich mit einem Blumenkübel via Twitter gegen sich selbst wandte

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Blumenkuebel
Foto: Alexander Dreher / pixelio.de

Es gibt Dinge, auf die man sich in jedem Jahr verlassen kann. Das Sommerloch gehört dazu. So einige Blogs machen Pause, weil die Autoren in Urlaub fahren, sie lieber das schöne Wetter genießen wollen oder ihre Leser dies tun und deswegen die Leserzahlen rückläufig sind. Hinzu kommt, dass aufgrund der allgemeinen Urlaubs- und Pausenzeit auch in vielen Bereichen von Politik & Sport ebenfalls eine Flaute bezüglich neuen Ereignissen und News herrscht.

Die Ereignisarmut macht allerdings nicht nur den Blog-Betreibern das Leben schwer, die mitunter verzweifelt nach Inhalten für ihre Blog-Artikel suchen, sondern auch -und erst recht- der „seriösen Presse“. So werden von Vertretern dieser Presse alljährlich zur Sommerzeit gerne irgendwelche Politiker aus der hinterletzten Reihe hervorgekramt, die jedes Jahr aufs Neue zuverlässig mit skurrilen Ideen für Aufsehen sorgen. Die Politiker bekommen auf diese Weise ihre 5 Minuten Ruhm und die Presse hat irgendetwas von zweifelhafter Bedeutung, was man den Lesern vorsetzen kann.

Doch was macht man bitteschön, wenn man Vertreter der Lokalpresse in einem Dorf mit vielleicht knapp 14.000 Einwohnern ist, in welchem im restlichen Jahr schon wenig und dann im Sommer erst recht nichts passiert? Nun, entweder steckt man resignierend den Kopf in den Sand, oder man wirft sämtliche Scham über Bord und berichtet voller journalistischer Inbrunst über den langweiligsten Mist, der passiert ist, um damit eine Welle im Internet loszutreten, die sich schließlich vollständig verselbstständigte.

So wie Katharina Hövels am vergangenen Dienstag im Neuenkirchener Lokalteil der Münsterschen Zeitung. Da berichtete sie unter der Überschrift Großer Blumenkübel zerstört davon, wie fassungslos die Bewohner des Antoniusstifts waren, als sie am Dienstag-Morgen feststellen mussten, dass jemand im Eingangsbereich des Stifts einen Blumenkübel im Wert von 150 Euro mutwillig umgeworfen und zerstört hatte!

Wenn man diese Meldung zum ersten Mal hört, könnten einem spontan umfallende Reissäcke in China in den Sinn kommen. Allerdings war die Meldung, welche absolut ernst gemeint war, ein so starker Ausdruck der Hilflosigkeit gegen das Sommerloch und so voll von Belanglosigkeit, dass er gerade dadurch Aufmerksamkeit auf sich zog. Und dies nicht zu knapp. Plötzlich fand der Artikel am Donnerstag seinen Weg in Twitter und verbreitete sich dort innerhalb kürzester Zeit. Zahllose Tweets mit dem Twitter-Hashtag #Blumenkübel wurden von den deutschsprachigen Twitter-Nutzern in mehr oder weniger lustigen Tweets abgesendet.

Der Begriff Blumenkübel schaffte sogar, was nur wenige deutsche Begriffe in der Twitter-Welt schaffen. Er wurde zeitweise zu einem der meistgenutzten Begriffe in Twitter weltweit(!) und gelangte somit in die „Twitter Worldwide Trends“:

Blumenkübel bei Twitter

Doch mit der allgemeinen Belustigung hörte es nicht auf. Wie am Freitag wieder auf der Seite der Münsterschen Zeitung nachzulesen war, hatte ein Würzburger Unternehmen über Twitter von dem „Unglück“ erfahren und dem Antoniusstift neue, trittsichere Blumenkübel gespendet… via Overnight-Express! Weitere Kübel aus ganz Deutschland sollen ebenfalls noch auf dem Weg sein.

Was mehr als „Verzweiflungsbericht“ gedacht gewesen sein muss, um im Sommerloch überhaupt irgendetwas berichten zu können, hatte sich zu einem Hype im Internet entwickelt, der schließlich sogar Berichterstattungen in überregionalen Medien zur Folge hatte. Für die Münstersche Zeitung hat es sich in jedem Fall gelohnt. Wo sonst sehr gut besuchte Artikel nie mehr als 10.000 bis 20.000 Aufrufe erreichen, hat der Artikel über den umgestürzten Blumenkübel im Seniorenstift innerhalb kürzester Zeit laut carta.info mehr als 50.000 Aufrufe auf sich vereinen können.

So wurde das Sommerloch quasi indirekt selbst zum Thema gemacht, um ebenjenes erfolgreich zu stopfen. Habt ihr eigentlich auch etwas von diesem Blumenkübel-Hype mitbekommen? Oder ist er gänzlich an euch vorübergegangen? Und wie ist generell eure Einstellung zum berühmt-berüchtigten Sommerloch? Nerven euch die oftmals künstlich aufgebauschten, nichtssagenden „News“ in der Presse im Sommer auch? Oder seid ihr vielleicht als Blogger selbst davon betroffen, mühsamer als sonst nach Themen suchen zu müssen?


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