Wie in den Medien “alte Kamellen” erfolgreich aufgewärmt werden

Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie im Sommer letzten Jahres plötzlich der Aufschrei in den Medien groß war, als bekannt wurde, dass in der Lebensmittelindustrie aus Kostengründen vermehrt auf sog. Analog-Käse gesetzt wird? Dabei handelt es sich um “künstlichen Käse”, bei dessen Herstellung statt teurer Milch bzw. Milchfett günstiges Tier- oder Pflanzenfett verarbeitet wird.

Quasi zeitgleich wurde man dann darüber informiert, dass beim Käse noch lange nicht Schluss sei! Auch Schinken würde inzwischen -vor allem im Bereich von Fertig-Pizzen- durch ein Schinken-Imitat ersetzt, welches nur aus wenigen Fleischstücken, zum Großteil aber aus Wasser und Stärke-Gel bestand. Schnell wurde diese Kreation von den Medien “Mogel-Schinken” getauft.

Sowohl in den Medien als auch in der Bevölkerung war die Empörung groß. Wie konnte so etwas nur passieren? Niemand wollte etwas mit diesem unappetitlichen Zeug zu tun haben. Es solle gefälligst schleunigst eine deutliche Kennzeichnungspflicht her, damit man auf Verpackungen sofort sehen kann, wo noch echter Käse und echter Schinken verwendet werden bzw. wo dieser “neumodische Mist aus dem Labor” enthalten sei.

Inzwischen ist der Sommer schon lange vorbei, das Sommerloch war mit dem Thema gut gefüllt, aber inzwischen kräht kein Hahn mehr danach. Ich muss zugeben, auch ich habe mich nicht mehr näher mit dem Thema auseinandergesetzt, bis ich vor wenigen Tagen eher zufällig beim Recherchieren im Internet auf einen interessanten Aspekt aufmerksam geworden bin:

Festmachen möchte ich das am Beispiel der Website des Sterns. Dort ist aus dem Sommer letzten Jahres noch ein Artikel zum Thema Mogelschinken.

Schinkenimitat

 
Dort heißt es direkt in der ersten Zeile unter der Überschrift “Nach dem Analogkäse sorgen nun auch Schinkenimitate für Ärger.”

Aber war dieser “Ärger” mit den Schinken-Imitaten wirklich so neu? Nein! Denn dieses Schinken-Imitat ist keineswegs eine sonderlich neue Erfindung. Auch wird sie nicht erst seit letztem Sommer vermehrt im Lebensmittelbereich eingesetzt. Das hat der Stern sogar selbst im Jahr 2005(!) in Artikel zu Schinkenimitaten bei Tiefkühlpizza festgestellt, und sich dabei auf Ergebnisse aus Untersuchungen, die bis ins Jahr 1993 zurückreichen, gestützt:

schinkenimitat

 
Da frage ich mich ja schon, warum dann im letzten Jahr die mediale Aufregung plötzlich so groß war, als das Thema nicht neu, sondern nur erneut thematisiert wurde? Dass sich die Verwendung des Schinken-Imitates nicht allein auf Tiefkühlpizza beschränken würde, dürfte doch schon anno 2005 jedem halbwegs logisch denkenden Menschen klar gewesen sein.

Man wird den Verdacht nicht los, dass da einfach ein altes Thema wieder aus der Kiste gekramt wurde, weil es im Zusammenhang mit der Analog-Käse-Hysterie gerade so gut passte. So ließ sich die Empörung noch steigern und das allseits gefürchtete Sommerloch praktischerweise füllen.

Ich habe nichts dagegen, wenn Medien Skandale aufdecken wollen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn Medien einfach informieren wollen. Aber bei Beispielen wie diesem hier sieht es für mich manchmal so aus, als wollten die Medien nicht informieren, sondern einen Skandal um des Skandals willen schüren, weil ein Skandal Quote bedeutet.

Dabei hätte es sich doch gerade in einem solchen Fall angeboten, im neuen Artikel auf den alten zu verweisen, mit dem Hinweis, dass man ja bereits vor 4 Jahren über das Thema berichtet habe – das hätte von Erfahrung mit dem Thema, Qualität, Sachverstand und vielleicht auch Weitsicht gezeugt. Stattdessen entschied man sich, lieber die Hysterie mit einem angeblich neuen Skandal anzufeuern.

Mal sehen, ob die Thematik dann in 4 Jahren, wenn sich niemand mehr daran erinnert, wieder als frischer Lebensmittelskandal “auf den Tisch kommt”. Was denkt ihr?


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