Wie weit darf und muss man sich einmischen?
Anfang des Monats habe ich hier über ein Gesetz berichtet, welches in Afghanistan inkraft getreten ist und durch welches Frauen verpflichtet werden, mindestens alle vier Tage mit ihren Ehemännern zu schlafen, sofern diese das wünschen und die Frau nicht durch eine Krankheit ernsthaft daran gehindert wird. Kritische Stimmen betitelten dies als “Legalisierung der Vergewaltigung in der Ehe”. Gleichfalls wird in dem Gesetz wohl auch festgelegt, dass die Ehefrau -außer in Notfällen- das Haus nicht ohne Erlaubnis des Mannes verlassen darf.
Erwartungsgemäß kam es in vielen Teilen der Welt zu Protesten gegen das Gesetz, so dass Afghanistans Präsident Karsai versprach, sich das Gesetz noch einmal gründlich unter dem Gesichtspunkt des Frauenrechts anzusehen. Sogar in Afghanistan selbst kam es nun zu Protesten – und Gegenprotesten.
Laut Bericht der RP fing alles damit an, dass knapp 50 weibliche Abgeordnete und Menschenrechtsaktivisten vor der Uni in Kabul gegen das neue Gesetz protestierten. Recht schnell soll sich dann eine ca. 500 Köpfe starke Gegendemonstration entwickelt haben, die das neue Gesetz befürworteten. An der Gegendemonstration sollen auch rund 200 Frauen beteiligt gewesen sein – es waren also nicht nur Männer!
Nun lässt sich vortrefflich darüber spekulieren, ob diese Frauen von ihren Männern zur Teilnahme gezwungen worden sind. Möglich wäre auch, dass sich die Frauen ohne aktives Zutun der Männer zu einer Teilnahme genötigt sahen. Oder aber, dass diese Frauen ganz einfach wirklich selbst für das neue Gesetz sind, da sie es kulturell nicht anders kennen oder ihr Glaube so ist!
Das macht die Angelegenheit für die westliche Welt zukünftig nicht unbedingt einfacher. Wie soll man sich nun verhalten? Wirft man alle Bemühungen zur Etablierung der Frauenrechte in Afghanistan angesichts der tief verwurzelten kulturellen Gegenströmungen enttäuscht über Bord? Oder denkt man sich, dass man jetzt erst recht etwas tun muss, um die Afghanen von unseren Ansichten zu überzeugen? Oder muss man die große Zustimmung zu dem Gesetz unter demokratischen Gesichtspunkten nicht vielleicht sogar so interpretieren, dass die Afghanen jenes eben so wünschen? Wie weit darf man überhaupt gehen? Darf man ein Volk “missionieren”, wenn es dies mehrheitlich gar nicht will, man aber der Meinung ist, dass es besser für sie wäre? Oder muss man es sogar? Und vielleicht noch wichtiger: kann man das überhaupt bei jemandem, der dies nicht zum überwiegenden Teil will?
Wie ist eure Meinung bezüglich dieses “heißen Eisens”?
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Das ist wirklich ein heisses Eisen. Aber man sollte sehen, welche Frauen da auf der “Pro” Seite standen. Waren das Junge unverheiratete, oder waren das Ältere die nur dieses Leben kennen.
Ich finde das Gesetz nach Westlichen Gesichtspunkten unter aller Sau, aber die Frage ist da ob man diese “Westlichen” Gesichtspunkte auf ein von der Taliban regiertes Rechtssystem anwenden darf.
In China und den USA gibts auch noch die Todesstrafe, wie in vielen islamischen Staaten auch, in den USA wird vergiftet, in China erschossen und in Afghanistan gesteinigt.
Gerade die USA waren in Gesetzen auch nicht immer astrein, man erinnere sich nur an die Rassentrennung, oder dieses Ominöse Gesetz, das man Frauen nicht mit einem Stock schlagen darf, der dicker ist als der eigene Daumen.
Klar man kann argumentieren, das die Gesetze schon 60 Jahre alt sind/waren.
Aber kann man unser Zeitalter mit denen in diesen Ländern vergleichen, wer weiss in wie weit sich diese Länder in 60 Jahren verändert haben.
Und die Religiöse Komponenten spielt da halt auch einen sehr grosse Rolle. Der Koran wird zwar (wie die Bibel) oft so ausgelegt wie es den Machthabern gerade passt, aber wie will man ihnen in eine Jahrtausendalte Kultur und Gepflogenheit da reinreden. Man kann aber kein Orientalisches Land mit einer Scheindemokratie dazu zwingen Westliche Werte zu verfolgen, weil sie einfach nicht westlich sind.
In Afrika werden auch jungen Mädchen mit alten rostigen Rasierklingen die Geschlechtsteile verstümmelt, aber da ist es so Brauch, es ist schlimm, keine Frage, aber wer soll da was regeln? Die ansässigen Rechtsorgane?
Fazit: Solange die solche Kulturen gelebt werden, ist es schwer da von ausserhalb einzugreifen. Ein Umbruch muss in der jeweiligen Gesellschaft passieren. Und sollte nicht von aussen kommen. Die Missionare sind heute ja eher Besatzer, man siehts im Irak. Solange das nicht passiert und die alten Bräuche noch in den Köpfen sind wird sich da nichts ändern. Ohne Revolution keine Evolution.
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Ich sehe das wie die Jungs von der Sternenflotte. Beobachten, aber nicht einmischen. Schließlich waren wir alle mal so in grauer Vorzeit. Andererseits kann man schlecht wegsehen wenn es um Menschenleben geht. Vielleicht sollte man passiv aufklären und warten bis es sich von selbst regelt. Genug Zeit haben sie ja noch, bis die Sonne verglüht
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Wir haben bei uns in der Region einen naturbelassenen “Urwald” am Altrhein. Vor zwei Jahren bahnte sich eine Maikäferplage an. Zudem waren die Schnakenbekämpfer unterwegs. Es stand zur (heißen) Diskussion, ob wir uns in das Ökosystem “naturbelassener Urwald” einmischen sollen und Schnaken sowie Maikäfer bekämpfen sollen. Ich kann da beide Seiten verstehen: Einerseits steht es uns nicht zu, sich in Kulturen einzumischen, die wir selbst nicht überblicken können – andereseits wollen wir für das Wohl der Gesellschaft kämpfen und Missstände beseitigen. Sicherlich muss man von Fall zu Fall unterscheiden: Bei der Interessensabwägung und den daraus entstehenden Diskussionen wird Fingerspitzengefühl und diplomatische Arbeit benötigt.
In deutschen Gesetzen gibt es ja ähnliche “eheliche Verpflichtungen” – nur wird hier nicht so deutlich Ross und Reiter genannt. Sicherlich wird auch einiges der katholischen Kirche in anderen Kulturkreisen als “unsinnig” angesehen. Man denke da beispielsweise an die Nutzung von Kondomen in Afrika (zur AIDS-Prävention).
Eins muss man aber jedem lassen und muss stets gewährleistet bleiben: Die persönliche Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Das ist meine Meinung. Wenn also afghanische Frauen auf die Straße gehen, muss auch von außen politisch gewährleistet sein, dass diesen Frauen nichts passiert.
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@symm
Hier bei uns in Deutschland -genauer gesagt in Hessen- gibt es die Todesstrafe übrigens auch noch. Die steht nämlich immer noch in der dortigen Landes-Verfassung! Sie wird halt nur nicht mehr vollstreckt, da Bundesrecht Landesrecht “bricht” und die Bundesverfassung (Grundgesetz) mit seinem Verbot der Todesstrafe “stärker” ist als die Landesverfassung.
@Newton
Das ist halt genau die Problematik. Wann sollte man nur beobachten und wann darf / muss man eingreifen? Wenn Menschenrechte verletzt werden? Und wer definiert diese Rechte? Und was eine Verletzung eben jener ist?
@plerzelwupp
Es ist tatsächlich so, dass durch die deutsche Rechtsprechung -in den 50er und 60er Jahren- eine Pflicht der Eherfrau zum Beischlaf entwickelt wurde. ABER: durch die Rechtsprechung und Gesetzesentwicklung der “modernen Zeit” ist die Anwendung dieser ehelichen Sex-Pflicht inzwischen ausgeschlossen. Heißt: Man(n) hat zwar in der Ehe das Recht, dass die Frau mit einem schläft, kann dieses Recht aber heute nicht mehr gerichtlich durchsetzen!
Es ist -zumindest in der deutschen Rechtsgeschichte- nichts ungewöhnliches, dass alte, überholte Gesetze und Rechtsprechungen nicht “gelöscht” werden. Man denke nur an die oben bereits angeprochene Todesstrafen-Regelung in Hessen. Zudem gibt im BGB immer noch einen Paragraphen, der regelt, dass man fremde Grundstücke betreten darf, wenn dies nötig ist, um seinen eigenen, “entflohenen” Bienenschwarm zu verfolgen! Das Gesetz stammt noch aus der Gründungszeit des BGB, als die Imkerei einen viel höheren Stellenwert als heute einnahm.
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Warum sollten wir uns da einmischen? Wir haben eh viel zu oft die Finger im Spiel. Wer hat uns den in den 60er Jahren gesagt was wir zu tun haben? Niemand. Da kam die Emanzipation von ganz alleine. Und wenn es in Afghanistan oder wo auch sonst einfach nicht so ist wie bei uns, warum aufregen. Bei uns ist auch nicht alles perfekt.