Anlässlich des Karfreitags -und dem damit unter Christen einhergehenden Gedenken an den Tod Jesu Christi am Kreuz- macht sich Torsten Luttmann in seinem Blog Gedanken über den Tod (Link entfernt, da der Blog geschlossen wurde und Torstens Artikel nun nicht mehr erreichbar ist).
Er greift dabei ein spezielles Ereignis auf, welches auch bei mir spontan Erinnerungen weckte und dazu führte, dass auch ich mir eben mal wieder ein paar Minuten Zeit genommen habe, um über das spezielle Ereignis und den Tod allgemein nachzudenken.
Torsten schreibt in seinem Blog davon, wie er per SMS über den Tod eines geliebten Menschen informiert wurde. Ein befremdliches Gefühl, so unpersönlich und irgendwie “kalt”. So zumindest habe ich es empfunden, als es mir selbst einmal vor Jahren widerfahren ist. Ich arbeitete und hatte aufgrund eines Meetings mein Handy ausgeschaltet, war also auf diesem Weg nicht zu erreichen.
Als ich mein Handy später gut gelaunt wieder einschaltete, flatterte eine SMS meiner Mutter herein. Unser Kater war eingeschläfert worden! Man kann sich das kaum vorstellen. Ich saß da, starrte stumm auf mein Handy und wusste im ersten Moment gar nicht, was ich tun sollte. Es war einfach eine unglaubliche Leere in mir. Es gab nur diese SMS, digitalisierte Worte, manifestiert auf einem kalten Stück Plastik. Nichts, woran man sich aufbauen konnte, keine Schulter zum anlehnen, keine warme Stimme, die Trost spendete.
Ich wohnte damals nicht mehr zuhause, hatte unseren Kater also nur noch gelegentlich gesehen. Er war insgesamt 21 Jahre alt geworden, hatte also durchaus ein stolzes Alter erreicht, in welchem man mit seinem Ableben rechnen musste. Zumal er einige Monate vorher schon einmal sehr krank geworden war und wir schon damals fürchten mussten, ihn einschläfern zu müssen.
Von den 21 Jahren lebte er 18 Jahre in unserer Familie. Über einen solchen Zeitraum hinweg, das wird wohl jeder nachempfinden können, baut man eine enge Beziehung auch zu seinem Haustier auf, er ist ein fester Bestandteil des Familienlebens gewesen. Nach so vielen gemeinsamen Erlebnissen, die einen verbinden, nachdem man einen Großteil des Lebens gemeinsam verbracht hat, gemeinsam Kindheit und Jugend erlebt hat, nach so einer langen Zeit macht es keinen wirklichen Unterschied, ob man benachrichtigt wird, dass ein Mensch oder ein Tier gestorben ist – ein Familienmitglied war von uns gegangen!
So saß ich da nun an meinem Schreibtisch, starrte auf mein Handy. Der Kloß im Hals wurde spürbar größer. Einen Anruf brachte ich in der Situation nicht übers Herz. Zum einen hatte ich Angst, die Fassung zu verlieren, zum anderen – was hätte ich sagen sollen? Auch eine SMS kam nicht infrage – was hätte ich schreiben sollen? “ok”? “schade”? “tut mir leid”? “ist bestimmt besser für ihn gewesen”? Alles irgendwie unpassend und vor allem per SMS viel zu unpersönlich.
So sah ich also zu, dass ich den restlichen Arbeitstag irgendwie hinter mich brachte. Konzentriertes Arbeiten war natürlich nicht mehr möglich, zu oft schweiften die Gedanken ab. Aber stupide Standard-Arbeitstätigkeiten waren möglich, waren sogar gut, weil sie ein klein wenig ablenkten und Halt gaben.
Nach Feierabend ging ich dann nicht nach hause, sondern besuchte meine Familie. Als ich die altbekannte Wohnung betrat, war die Veränderung allgegenwärtig spürbar. Wo früher immer unser Kater bereits erwartungsfroh an der Tür saß, um Neuankömmlinge zu “begrüßen”, wartete diesmal nur meine Mutter, mit roten Augen. Wo sonst immer mehrere Radios und Fernsehgeräte liefen, war es nun absolut still. Mein Vater und meine Schwestern hatten sich alle in separate Zimmer zurückgezogen. Die erste Zeit des gegenseitigen Tröstens und gemeinsamen Trauerns war wohl schon vorbei, jetzt wollte sich erstmal jeder für sich Gedanken machen.
Ich weiß gar nicht mehr, was dann genau geschah. Ich kann mich noch erinnern, dass ich nach und nach zu jedem ins Zimmer ging und ein wenig mit jedem sprach, in den Arm nahm und versuchte Trost zu spenden, obwohl ich selbst noch völlig überwältigt von der ganzen Situation war. Vielleicht wollte ich durch die Umarmungen auch nur selbst nach Halt suchen. Ich weiß noch, dass ich dann noch durch die Wohnung ging und ganz bewusst die Stellen abschritt und wahrnahm, die unser Kater “eingenommen” hatte. Es war für mich die einzige Möglichkeit, noch Abschied von ihm zu nehmen, nachdem ich ihn ja nicht mehr sehen konnte.
Es sind Kleinigkeiten, die einem dann durch den Kopf schießen. Ich ärgerte mich. Ärgerte mich, dass ich seine Anwesenheit als so selbstverständlich hingenommen hatte, ärgerte mich, dass ich mich kaum noch daran erinnern konnte, wie es war, ihm durch sein Fell zu streicheln, ärgerte mich, dass ich die Zeit mit ihm nicht viel “bewusster” erlebt hatte.
In den Momenten nimmt man sich stets vor, sich und seine Lebenseinstellung zu ändern. Den Umgang mit Personen, die einem am Herzen liegen, bewusster zu gestalten und mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Aber dieses Vorhaben hält nie lange an. Der Mensch ist ein Gewohnheits-Tier und so hält über kurz oder lang der Alltag wieder Einzug in unsere Leben. Das ist auch gut so, denn auch wenn Trauer ein wichtiger Faktor zur persönlichen Verarbeitung eines Schicksalsschlages ist, kann man nicht ewig trauern.
Und spätestens, wenn der Alltags-Trott wieder eingekehrt ist, verblassen die guten Vorsätze, die Zeit mit den Lieben bewusster wahrzunehmen. Der abschiedskuss, wenn man morgens aus dem Haus geht, wird zu einer Selbstverständlichkeit, die zwar angenehm ist, die man aber erst wieder dann so richtig wertschätzen würde, wenn sie plötzlich nicht mehr da wäre. Gemeinsame Ausflüge, Gespräche, Erlebnisse nehme ich zwar wahr und amüsiere mich, aber ich erlebe sie dennoch nicht so intensiv, wie ich mir das nach dem Tod meines Katers eigentlich vorgenommen hatte. Solche Ereignisse werden wohl erst dann wieder zu etwas Besonderem werden, wenn man wieder einen nahestehenden Menschen oder ein geliebtes Tier verliert. Oder an Tagen wie heute, an denen man sich auf solche Dinge ganz bewusst einmal besinnt.
Die SMS, die mir meine Mutter damals geschrieben hat, habe ich noch heute gespeichert. Dabei sind es doch nur digitalisierte Worte, manifestiert auf einem kalten Stück Plastik. Aber von manchen Dingen kommt man wohl nicht so einfach los, wie man es sich einreden möchte.
2 Rückmeldungen zu Tod eines Familienmitglieds
Kommentare
Magrat | 10. April 2009 um 22:48 Uhr
bisherige Kommentare: 136

Diese Trauer, lieber Sascha, kann ich sehr gut nachvollziehen. Mich erreichte zum Beispiel die Nachricht, daß mein Hund, ein Deutscher Doggenrüde, qualvoll in der Tierpension, verstorben war, während eines kurzen Urlaubs. An einem kalten, stürmischen Wintertag an der Ostsee, per Handy, während eines Gaststättenbesuchs, einem Ort, der bis zu diesem Tage mit vielen schönen Kindheitserinnerungen verbunden war. Ich möchte jetzt hier als Kommentar nicht die ganze Geschichte erzählen. Es war ein schreckliches Erlebnis, der Urlaub wurde sofort abgebrochen und die Heimreise angetreten.
Ein Familienmitglied zu verlieren, und sei es eines mit Federn, Fell oder auch Schuppen, ist immer schmerzvoll.
Davon auf eine Weise zu erfahren, wie du es hier beschrieben hast, macht es noch schlimmer.
Wie auch immer, das Leben geht weiter, so oder so. Und wenn ein solches Ereignis bewirkt, daß man nur einen Tag, eine Woche, einen Monat lang bewußter lebt, bewußter auf seine Umwelt achtet, mehr auf sie eingeht, hat das Ganze auch einen Sinn gehabt, war es nicht umsonst.
Da bin ich sicher.
In diesem Sinne, dir und allen, die hier lesen, ein paar schöne freie Tage…