Kölner Aufruf gegen Computergewalt

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Es ist jetzt ein sog. „Kölner Aufruf“ erschienen, welcher sich auf recht eigenwillige Weise mit dem Thema „Gewalt in Computerspielen“ beschäftigt. Im folgenden gebe ich den Inhalt des Aufrufs einmal lückenlos wieder, jedoch immer wieder unterbrochen durch die Gedanken, die mir beim lesen so durch den Kopf geschossen sind. Da der Artikel deswegen sicherlich eine gewisse Länge aufweisen wird, sparen wir uns lange Vorreden und gehen sofort ans Eingemachte:

1. Killerspiele sind Landminen für die Seele

Oha, da fängt der Text ja schonmal sehr martialisch an. Bereits hier lässt sich erahnen, dass der Aufruf sich wohl nicht sonderlich sachlich mit der Thematik auseinandersetzen wird.

5-, 15- und 25jährige sitzen heute Stunden, Tage und Nächte vor Computern und Spielekonsolen. In „Spielen“ wie „Counter-Strike“, „Doom 3“, „Call of Duty“, „Halo 3“, “Crysis”, “Grand Theft Auto IV“ u.a. üben sie systematisches und exzessives Töten mit Waffen vom Maschinengewehr bis zur Kettensäge.

Wenn 5- und 15-jährige heute stundenlang solche Spiele spielen, die übrigens allesamt im Handel erst ab 16 Jahren -oder älter- erhältlich sind, dann ist tatsächlich etwas schiefgelaufen. Sollten die Eltern nicht ein klein wenig Interesse dafür zeigen, was der 5-jährige denn da so die ganze Zeit exzessiv spielt?

Sie demütigen, foltern, verstümmeln, zerstückeln, erschießen und zersägen Menschen an ihren Bildschirmen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass man bei Counterstrike & Co. Menschen zerstückeln, zersägen oder irgendwie foltern könnte. Das Zerstückeln könnte man allenfalls auf Doom übertragen, wo man allerdings nie gegen Menschen, sondern jederzeit gegen Dämonen aus der Hölle spielt.

Längst ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Mediengewalt und vor allem Killerspiele verheerende Wirkungen insbesondere auf Kinder und Jugendliche haben.

Tatsächlich? Mir ist noch nicht eine einzige seriöse Studie bekannt, die zweifelsfrei belegen konnte, dass dem so ist. Vielmehr kommt man vermehrt allenfalls zu dem Schluss, dass Mediengewalt unter bestimmten Umständen negative Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche haben kann, aber nicht zwingend bei jedem haben muss.

Ebenso ist im Alltag von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern längst unübersehbar, dass Kinder und Jugendliche durch Computerspiele aggressiver, gewalttätiger und abgestumpfter werden.

Mag sein, dass manche Kinder heutzutage aggressiver sind. Mir kommt es generell so vor, dass die Menschen allgemein etwas „ruppiger“ miteinander umgehen. Inwiefern das jedoch von Computerspielen abhängen soll, darüber schweigt sich der Kölner Aufruf leider aus… wahrscheinlich, weil der Zusammenhang so „unübersehbar“ ist, dass man ihn nicht extra nennen muss.

Belegt ist: Je brutaler die Spiele sind und je mehr Zeit die Kinder damit vergeuden, desto schlechter sind die Schulleistungen.

Wo das belegt sein soll, möchte ich gerne mal wissen. Ich spiele schon seit jungen Jahren gerne Video- und Computerspiele und gehörte in meiner gesamten Schulzeit dennoch zu den notentechnisch besseren Schülern… und ich war da kein Einzelfall. Dass die Schulleistungen darunter leiden, wenn man zu viel Zeit in Computerspiele investiert, ist klar – das Argument zieht jedoch bei jedem Hobby, welchem man zuviel Zeit widmet.

Viele Eltern sind verzweifelt, Lehrerinnen und Lehrer haben mit steigender Brutalität und Schulversagen zu kämpfen.

Hier wiederhole ich gerne meine Frage von eben, was das mit Computerspielen zu tun haben soll? Wenn z.B. Schulversagen nur mit Computerspielen zu tun hat, warum machen wir uns eigentlich überhaupt noch Gedanken um die Umstrukturierung des Bildungssystems?

2. Killerspiele sind aktives Kriegstraining

Genau, jetzt kommt der zweite Abschnitt, da legen die Verfasser des Aufrufs dann auch direkt mal ne Schippe drauf.

Killerspiele entstammen den professionellen Trainingsprogrammen der US-Armee, mit denen Schusstechnik, Zielgenauigkeit und direktes Reagieren auf auftauchende Gegner trainiert werden:

Schusstechnik, Zielgenauigkeit und Reaktion auf den Gegner trainieren? Klingt wie der Inhalt des Trainings bei ziemlich vielen Sportarten, wie z.B. Fußball. Oha, könnte das Spielen von Shooter-Spielen bei Jugendlichen etwa wie beim Sport aus sportlichem Antrieb und dem Wettbewerbsgedanken geschehen? Das wäre ja mal eine ganz neue These…

Die Soldaten werden desensibilisiert und fürs Töten konditioniert, die Tötungshemmung wird abgebaut. Genauso werden durch Killerspiele Kindern und Jugendlichen Spezialkenntnisse über Waffen und militärische Taktik vermittelt,

An dieser Stelle konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Welche hochgradigen Spezialkenntnisse über Waffen werden denn da so vermittelt? Man lernt, dass die Waffe in die Richtung feuert, in die man sie hält – toll. Und wenn die Munition leer ist, dann muss man nachladen – hui, jetzt hab ich aber Spezialkenntnisse. Ach ja, und eine Panzerfaust hat mehr „Bumms“ als eine Pistole. Mal ernsthaft, liebe Verfasser des Aufrufs: bei einem Blick ins Lexikon oder auf Wikipedia lerne ich mehr über Waffen als in jedem noch so realistisch gemachten Shooter-Spiel.

denn diese sogenannten „Spiele“ sind in Wirklichkeit Simulationen der Kriegsrealität: Sie erzeugen Angst, Stress und andauernde Adrenalinschübe. Sie erzwingen unmittelbare Handlungen in einem Reiz-Reaktions-Schema und verhindern so gezielt kritische Distanz und Mitgefühl. Die virtuellen Räume und die reale Welt durchdringen sich, werden ununterscheidbar.

Konnte ich gerade eben noch lächeln, packte mich bei diesem Absatz schon ein wenig die Wut! Wie kann man sich denn bitte hinstellen und behaupten, dass es keinen Unterschied mache, ob man gemütlich am Schreibtisch im Sessel sitzt und mit der Maus auf Pixel schießt oder auf dem realen Schlachtfeld steht, um dort bei jedem seiner Schritte um sein echtes nacktes Leben und das seiner Kameraden zu fürchten?

Der „Spielraum“ unserer Kinder und Jugendlichen entspricht der Wirklichkeit des Kampfes von Soldaten in den völkerrechtswidrigen Kriegen z.B. im Irak und in Afghanistan.

Interessant, wie man jetzt versucht, Kriege allgemein in den gleichen Kontext zu setzen wie jene im Irak und Afghanistan, um so quasi jeden Krieg völkerrechtswidrig erscheinen zu lassen. Und erneut sei der Hinweis erlaubt, dass der „echte Krieg“ mit dem am Computer wohl oft nur das Thema gemeinsam hat. Eine sonstige Gleichstellung dieser beiden Arten grenzt an Perversität und ist nichts als blanker Hohn für diejenigen, die ihren Dienst beim Militär verrichten und in den Krisengebieten ihr Leben riskieren… ohne Möglichkeit auf einen Reset nach dem Game Over!

Vor genau solchen Zielmonitoren sitzen Panzer-, Flugzeug- und Hubschrauberbesatzungen und schießen wirkliche Menschen einzeln ab – gelernt ist gelernt.

Also ich hab da auch gelernt, dass man wohl eher selten mit einem Panzer oder einem Flugzeug gezielt auf einzelne Menschen schießt. Au weia, wieder waffentechnisches Spezialwissen, was ich mir da am PC angeeignet habe? Mitnichten, liebe Aufrufer, nur sagt mir mein gesunder Menschenverstand, dass es in der Praxis wohl eher selten vorkommt, dass mit einem dicken Panzergeschütz auf einzelne Menschen gezielt wird, oder?

3. Wer profitiert vom Krieg in den Köpfen?

Na, da bin ich mal gespannt auf die Antwort…

Die „Global Player“ der Spieleindustrie profitieren in einer stagnierenden globalen Wirtschaft vom größten Wachstumsmarkt. Die Computerspielbranche hat einen weltweiten Jahresumsatz von über 30 Milliarden Euro. Computerspiele sind gigantische Geldmaschinen: Die Branche wächst zweistellig, die Rendite ist riesig, denn Computerspiele sind teuer bei geringen Investitionen.

Geringe Investitionen bei riesigem Erfolg? Da muss ich etwas verpasst haben. Die Entwicklung heutiger Spiele kostet häufig mehrere Millionen Euro oder Dollar. Genau dies ist ja auch der Grund, warum viele kleinere Spiele-Schmieden bereits nach einem einzigen kommerziellen Flop oft „dicht machen“ oder sich von den großen Entwicklerstudios aufkaufen lassen müssen. Selbstverständlich gibt es auch kleine Studios, die ein wesentlich geringere finanzielles Risiko eingehen, indem sie weniger Geld in ihre Entwicklung investieren. Allerdings sind deren Spiele auf dem Spielemarkt dann zu 99% auch bedeutungslos und führen im besten Fall ein Nischendasein auf Ramsch-Tischen oder den Schnäppchen-Pyramiden.

Dieser boomende Markt wird in Deutschland sogar staatlich gefördert.

In der Tat ein strittiger Punkt. Wobei man den Sinn solcher Förderungen bei jeder Art von Subvention infrage stellen kann. Waren die jahrzehntelangen Kohlesubventionen im Ruhrgebiet sinnvoll? Sind die jetzigen Hilfsmaßnahmen für Opel sinnvoll? Bei Subventionen steht aus staatlicher Sicht selten das Produkt im Fokus, sondern dem Staat geht es einzig und allein darum, mit solchen Maßnahmen die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und so langfristig Arbeitsplätze zu sichern.

Gehen wir aber ruhig einmal von den Arbeitsplätzen weg und wenden uns den Intentionen der Spiele zu, dann kann man selbst unter diesem Gesichtspunkt sagen, dass es durchaus Spiele gibt, bei denen es gerechtfertigt sein dürfte, dass diese gefördert werden. Schließlich gibt es nicht nur Ballerspiele am PC. Ich erinnere mich da an ein Programm aus meiner Kindheit, welches vom Bundesumweltministeium herausgegeben worden war – natürlich mit staatlichen Fördermitteln finanziert. Hierbei ging es darum, den Spieler für die Themen Umweltschutz und Recycling zu sensibilisieren. Warum sollte man solche Projekte denn bitte nicht fördern? Im Gegensatz zu staatlich finanzierten Flyern und Info-Broschüren landen solche Spiele wenigstens nicht ungesehen sofort im Papierkorb.

Zudem arbeiten Computerspielindustrie und Militär in Forschung, Entwicklung und Anwendung eng zusammen: Spielentwicklung und Forschungen über militärische Simulationen ergänzen einander. Die US-Armee setzt Computerspiele zur Anwerbung von Soldaten ein (z.B. www.americasarmy.com).

Falsch! Es war nicht z.B. Americas Army, sondern ausschließlich Americas Army, wo diese Art der Anwerbung im großen Maße geschah. Einen Einzelfall nun so hinzustellen, als wäre es nur ein Beispiel von unzähligen, kann man wohl durchaus als schlechten Stil anprangern.

Games-Konzerne dienen somit als Teil des militärisch-industriell-medialen Komplexes dazu, mit „Spielen“ die künftigen Soldaten heranzuziehen. Das Alltagsleben wird vom Krieg durchdrungen, um Akzeptanz für die derzeitigen und künftigen Kriege zu schaffen.

„Militärisch-industriell-medialer Komplex“ klingt spannend, nicht wahr? Ob da jemand Eindruck schinden wollte?

Übrigens: wie ist es eigentlich zu erklären, dass die Jugend durch die Spiele angeblich ja immer kriegslüsterner werden soll, auf der anderen Seite jedoch die Zahl der Wehrdienstverweigerer immer weiter zunimmt, hm?

Diese Spiele sind somit massive Angriffe auf Menschenrechte, Völkerrecht und Grundgesetz. Warum also wird hiergegen nichts unternommen?

Gegenfrage: wenn die Verfasser so sehr davon überzeugt sind, dass die Computerspiele gegen das Grundgesetz verstoßen -allein das muss man sich einmal in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen- warum klagen sie dann nicht einfach vor dem Bundesverfassungsgericht? Schließlich ist die Sachlage vorliegend doch so unübersehbar klar und eindeutig, wenn man den Aufrufern glauben kann.

4. Komplizen, Kollaborateure und Profiteure der Killer-Industrie

Ja, hier bekommt jeder sein Fett weg.

Die Entwicklung von Computerspielen wie die Verharmlosung ihrer Wirkungen funktionieren nur, weil Wissenschaftler und Hochschulen seit langem mitspielen.

Achso, nicht nur Militär, Industrie und die Medien stecken unter einer Decke zusammen, sondern die Wissenschaft hat auch noch ihre Finger im Spiel. Hat ja schon ein wenig so etwas von Verschwörungstheorien á la Akte X. Aber zum Glück haben wir ja die Verfasser des Kölner Aufrufes, die uns nun sicherlich die Augen öffnen werden.

Hochschulen richten Studiengänge für die Games-Industrie ein und Wissenschaftler kreieren eine neue Sprache, die die Wirklichkeit verschleiert statt aufzuklären: Mit Nebelbegriffen wie „Medienkompetenz“ und „Rahmungskompetenz“ wird pseudo-wissenschaftlich suggeriert, dass Kinder und Jugendliche mit Killerspielen sinnvoll „umgehen“ könnten, ohne seelischen und körperlichen Schaden zu nehmen. Die Spiele sind aber gerade so angelegt, dass dies nicht möglich ist.

Hier wird nicht wirklich eine Diskussion gesucht, sondern es werden -wie im gesamten Aufruf- Dinge als Tatsachen dargestellt, ohne sie näher zu belegen, was ich mir insbesondere für die Behauptung der durch Computerspiele angeblich regelmäßig verursachten körperlichen Schäden(?) gewünscht hätte. So werden, wie hier gerade geschehen, all jene Wissenschaftler, die nicht der Meinung der Verfasser des Aufrufs sind, automatisch „abqualifiziert“ und ihre Thesen als „pseydo-wissenschaftlicher“ Unsinn dargestellt, der gar nicht sein kann, weil… ja, weil es einfach nicht sein kann. Tolle Argumentation!

Kritik an Computerspielen wird als „unwissenschaftlich“ diffamiert.

Hm, gerade noch die Gegenseite als Pseydo-Wissenschaftler beschimpfen und sich jetzt darüber aufregen, dass die eigenen Ergüsse als unwissenschaftlich bezeichnet werden? Da geht ja jemand mit gutem Beispiel voran.

Generell setzen sich beide Seiten eigentlich recht gut und wissenschaftlich miteinander auseinander. Wäre dem nicht so, hätte es doch nie Modelle und Diskussionen zu Dingen wie Medienkompetenz gegeben.

Es könnte allenfalls sein, dass Thesen wie die der Verfasser des Aufrufs in der Vergangenheit als unwissenschaftlich abgetan wurden, was aber nicht verwundern dürfte, wenn diese Thesen so aufgebaut waren wie dieser Aufruf.

Tatsächlich gibt es aber keinen sogenannten „Wissenschaftsstreit“: Über 3500 empirische Untersuchungen belegen den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Mediengewalt und gesteigerter Aggressivität.

Schon wieder wird hier etwas als vermeintliche Tatsache hingestellt, was schlichtweg nicht stimmt. Mag sein, dass es 3.500 empirische Untersuchungen mit diesem Ergebnis gibt (mangels Quellenangaben lässt sich hier ja nichts verifizieren!). Auf der anderen Seite gibt es aber immer noch die nicht geringe Anzahl von Wissenschaftlern und Untersuchungen, die eben zu anderen Ergebnissen gelangen, worüber dann in Publikationen diskutiert wird – ein klassischer Wissenschaftsstreit eben, oder nicht?!

Wissenschaftler, die dies leugnen, machen sich zu Komplizen und sind Profiteure des militärisch-industriellmedialen Komplexes, denn deren Institute erhalten umfangreiche finanzielle Unterstützung der Games-Industrie.

Da sagen es die Verfasser des Aufrufs sogar indirekt selbst, dass es eben noch anders denkende Wissenschaftler zu dieser Thematik gibt. Allerdings handeln die Verfasser durchaus konsequent: da sie den Wissenschaftlern, die nicht ihrer Meinung sind, die Kompetenz absprechen und sie zu Handlangern der Industrie degradieren, ihnen also ihre Wissenschaftler-Fähigkeiten absprechen, existiert aus Sicht der Verfasser natürlich keine Gegenseite und somit gibt es dann auch keinen Wissenschaftsstreit – wo kein Gegner, da kein Streit. Merkwürdig, dass bei dieser Logik die Thesen der Verfasser anscheinend als „unwissenschaftlich“ abgetan werden.

Die Hochschulen bekommen kaum mehr staatliche Gelder und werden so immer mehr zum Dienstleister der Industrie. So wird wissenschaftliche Korruption und Abhängigkeit von Wirtschaft und Militär geradezu provoziert.

Eine weitere Behauptung, die ohne Belege einfach so in den Raum gestellt wird.

Auch die Politik macht sich zum Handlanger dieser Interessen: Derzeit laufen Beschlussanträge im Bundestag, die Computerspiele zum „Kulturgut“ erklären wollen. Gelten Gewaltspiele als „Kunst“, kann damit aber der Jugendschutz ausgehebelt werden.

Ja, die Politik hängt auch voll mit drin. Politiker sind ja dafür bekannt, höchst wohlwollend gegenüber Gamern zu sein. Man merkt das spätestens immer nach den Politiker-Reaktionen auf Amokläufe. Da haben die Gamer wirklich Glück, dass sie bei der Politik so eine gute Lobby haben.

Die staatliche „Bundeszentrale für politische Bildung“ beteiligt sich zudem seit Jahren an der Verharmlosung von Gewaltspielen. Hier veröffentlichen nahezu ausschließlich solche „Medienpädagogen“, die der Games-Industrie nahestehen und deren Schriften offen für Gewaltspiele werben. So finanzieren die Bürger mit ihren Steuergeldern ihre eigene Desinformation. Die Bundeszentrale verstößt damit gegen den grundgesetzlichen Auftrag zur Friedenserziehung.

Jetzt haben wir wirklich bald alle durch, oder? Fehlen eigentlich nur noch die Außerirdischen.

5. Wer verantwortlich ist

Was? Ich dachte, die hätten wir gerade schon alle enttarnt?

Verantwortlich sind also nicht Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, denen die Bewältigung der Folgen immer zugeschoben wird. Verantwortlich sind Hersteller und Kriegsindustrie; die inflationäre Verbreitung der Spiele ist politisch gewollt und wird von „Wissenschaft“ und Medien bereitwillig vorangetrieben.

Ah verstehe, das alte „Wir schieben den schwarzen Peter weiter“-Spiel wird fortgesetzt. Natürlich kann man Eltern und Lehrern keine -aber auch gar keine- Vorwürfe machen. Ist ja nicht so, als ob diese -im Normalfall- den Großteil der Zeit mit den Kindern verbringen und somit, wenn sie denn echtes Interesse an den Kindern haben, auch am besten die Entwicklung und die Tendenzen des Kindes einschätzen und beeinflussen könnten. Da hat die Kriegsindustrie eindeutig mehr Einfluss auf die Sprösslinge von heute.

Tatsächlich brauchen Kinder und Jugendliche nicht „Medienkompetenz“, sondern eine Medienbildung, die Herzensbildung mit einschließt. Kinder und Jugendliche müssen an die sinnvolle und mitmenschliche Bewältigung der realen Aufgaben unserer Zeit herangeführt werden.

Da stimme ich zu. Und wer wäre denn bitte besser für so eine Medienbildung mit Herzensbildung geeignet, wenn nicht Eltern und Lehrer? Glücklicherweise gibt es ja auch genügend Eltern und Lehrer, die dies Tag für Tag eindrucksvoll machen, was wohl der Grund dafür sein dürfte, warum der Großteil der Kinder und Jugendlichen zwischen Realität und virtuellem Leben zu unterscheiden wissen.

Daher müssen Eltern, Lehrer und alle Bürger die Verantwortlichen benennen und zur Rechenschaft ziehen.

Ah, das dürfte dann die Entschuldigung für diejenigen sein, die keine Zeit / Lust hatten, ein wenig auf ihre Schützlinge zu achten und mit ihnen gemeinsam den Computer kennenzulernen… für Medienbildung war gerade keine Zeit, es mussten noch „Verantwortliche“ zur Rechenschaft gezogen werden.

Wir lassen nicht zu,
○ dass die Köpfe und Herzen unserer Kinder weiterhin durch Killerspiele mit Krieg und Gewalt vergiftet werden;
○ dass Kinder und Jugendliche zu Tötungsmaschinen auf den virtuellen und realen Schlachtfeldern dieser Welt abgerichtet werden;
○ dass neue Feindbilder geschaffen und Fremdenfeindlichkeit verbreitet wird;
○ dass die humanen und zum Frieden verpflichtenden Grundlagen unserer Gesellschaft zugrundegerichtet werden und Krieg zur Normalität wird;
○ dass Menschenrechte, Grundgesetz und Völkerrecht durch Gewaltspiele unterminiert werden.

Wenn man das so liest, könnte man fast glauben, dass unten auf der Straße nur noch schwerbewaffnete, tötungs-geile Kids unterwegs sind. Merkwürdigerweise sind mir noch keine über den Weg gelaufen. Auch entzieht es sich meiner Kenntnis, inwiefern jetzt ein Zusammenhang zwischen Computerspielen und Fremdenhass hergestellt werden soll. Auch diesbezüglich verzichten die Verfasser des Aufrufs auf weitere Informationen – aber Hauptsache, man kann mal ein „Argument“ von Bedeutung in den Ring werfen.

Wir fordern,
○ dass die Herstellung und Verbreitung von kriegsverherrlichenden und gewaltfördernden Computerspielen für Kinder
und Erwachsene verboten werden – denn Krieg ist nicht nur schlecht für Kinder, sondern auch für Erwachsene;
○ dass die „Bundeszentrale für politische Bildung“ verharmlosende Schriften zurückzieht und gemäß ihrem Auftrag über den tatsächlichen Stand der Forschung informiert;
○ dass Wissenschaftler ihre Finanzierung durch die Games-Industrie offenlegen;
○ dass alle Parteien ihre Beschlussanträge, die Computerspiele zum „Kulturgut“ erklären wollen, zurückziehen;
○ dass die Games-Industrie keine staatliche Förderung und politische Unterstützung erhält;
○ dass Medienbildung über die tatsächliche Wirkung von Gewaltdarstellungen aufklärt und zum Frieden erzieht;
○ dass Politiker, Wissenschaftler und Medienvertreter ihrem Auftrag gerecht werden, dem Frieden zu dienen, wie es Grundgesetz, Menschenrechte und Völkerrecht verlangen – sonst müssen sie abtreten.

Man möge mich berichtigen, wenn ich falsch liege, aber wenn mich nicht alles täuscht, dann sind kriegsverherrlichende und gewaltfördernde Spiele bereits längst verboten! Da dies den Verfassern des Aufrufs jedoch offensichtlich nicht weit genug geht, werden dennoch diese Adjektive verwendet, um die Angelegenheit schön martialisch darzustellen. Zum Rest habe ich oben ja bereits entsprechende Kommentare verfasst.

Was dann noch folgt, sind ein Haufen Unterzeichner. Vertreten sind dort vorwiegend Professoren, Doktoren, Pädagogen, Pfleger & Erzieher sowie einige sonstige Bürger. Wer sich dafür interessiert oder den Aufruf ohne Kommentare „am Stück“ lesen möchte, der kann sich den Aufruf (2 Seiten) im PDF-Format hier herunterladen.

Generell habe ich keine Probleme damit, mich kritisch mit der gesamten Thematik der PC-Spiele auseinanderzusetzen. In Teilen habe ich sogar Verständnis für einige Ängste von Kritikern. So halte ich es auf der einen Seite für verrückt, Spiele als Teufelswerk zu verfluchen, andererseits sollte man auch so fair sein zuzugeben, dass unter gewissen Umständen Spiele auf entsprechend gefährdete Personen einen negativen Einfluss haben können. Auf dieser Basis lassen sich gemeinhin fruchtbare Diskussionen führen.

Der vorliegende Aufruf hingegen bietet keinerlei Diskussionsgrundlagen. Vielmehr scheint es den Verfassern darum gegangen zu sein, ihre Thesen und Ansichten als die einzig richtigen, unumstösslichen und bereits faktisch verifizierten Tatsachen darzustellen. Hierbei machen sich die Verfasser vor allem deswegen angreifbar, da sie alle Gegenmeinungen kategorisch als falsch und pseydo-wissenschaftlich verunglimpfen und ihre eigenen Behauptungen an keiner Stelle mit fundierten Quellen belegen. Von einer sachlich-objektiven Auseinandersetzung mit der Thematik kann keine Rede sein; stattdessen nehmen die Ausführungen teilweise gar fanatisch wirkende Formen an. Selbstverständlich sind auch meine gerade getätigten Kommentare nicht immer sonderlich neutral, jedoch gibt es der Text in seiner Form einfach nicht her, sich neutral und vollkommen sachlich damit auseinanderzusetzen.

Was mich am meisten beängstigt ist die Tatsache, dass zahlreiche Doktoren und Professoren den Aufruf unterzeichnet haben. Nicht so sehr wegen seiner grundsätzlichen Intention -man darf ja ruhig gegen Computerspiele sein- sondern wegen der Art und Weise, wie die Meinung hier präsentiert wird: schlampig recherchiert, untermauert mit nicht vorhandenen Tatsachen und durchweg „unwissenschaftlich“ ohne Belege oder Quellenangaben. Man fragt sich, wie diese Leute sonst ihre wissenschaftlichen Arbeiten verfassen. Zum Glück habe ich in meinem Leben viele Professoren eines anderen Kalibers kennengelernt, so dass mein Grundvertrauen diesbezüglich jetzt nicht gänzlich erschüttert wurde.

Was der Aufruf im Endeffekt bewirken will, bleibt mir schleierhaft. In jedem Fall haben es die Verfasser -trotz der eklatanten Mängel ihres „Werkes“- geschafft, dass das Thema zumindest im Internet wieder breit diskutiert wird, wie ein kurzer Blick bei Google bestätigt. Erwartungsgemäß kam er da bislang allerdings wenig gut weg.


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